Jedes Feuilleton hat blinde Stellen – wie jede Anthologie, jedes Verlags- oder Funkprogramm; mal fehlt es an Theologie, mal am Wahrnehmen philosophischer Debatten. Im ZEIT-Feuilleton besonders schmerzlich vermißt, von denen, die es machen, wie von denen, die es lesen, wurde seit geraumer Zeit ein Genre, das in nuce all diese „Debatten“ birgt: die Lyrik.

Im Jahr 1959 hatte Dieter E. Zimmer an dieser Stelle eine Rubrik „Mein Gedicht“ eingeführt – da interpretierte Woche für Woche ein namhafter Schriftsteller ein Gedicht seiner Wahl, von Arp bis Zollinger quer durch die Zeiten; daraus entstand dann ein schönes Buch, und die Rubrik kam abhanden.

Was wir hier von dieser Woche an beginnen, ist ähnlich, aber nicht gleich: Einer der prominentesten deutschen Lyriker, Günter Kunert, wird jeweils das unveröffentlichte Gedicht eines deutschsprachigen Zeitgenossen vorstellen, das er ausgesucht hat und das er analysiert. Was entsteht, wird weit entfernt sein von „Über allen Wipfeln ist Ruh“; wird sehr subjektiv Zeichen setzen und Zeichen entschlüsseln: die Verrätselung unserer Welt, des Heute und Hier.

Jürgen Becker:

Zwei Nächte

Die Kälte geht durch den Sommer.