Von Josef Joffe

Ließe sich Wissenschaftlichkeit an der Zahl der Fußnoten messen, würde dieses Buch gewiß den (fiktiven) „Profunditäts-Preis 1981“ davontragen:

Dieter S. Lutz: „Weltkrieg wider Willen? Die Nuklearwaffen in und für Europa“; Rowohlt Verlag, Hamburg 1981; 378 S., DM 10,80.

Dem Auge schwindelt, der Geist verneigt sich ehrfurchtsvoll vor so viel Akribie: 693 Fußnoten, 43 Tabellen, 26 Schaubilder auf 337 Seiten, dazu diverse Anhänge, Glossare und Abkürzungsverzeichnisse – bei denen unter anderem auch erläutert wird, daß „USA“ für „United States of America“ steht.

Um für zu sein: Der Autor tut nur das, was ihn (und eine ganze Generation deutscher Studierter) die Doktorväter gelehrt haben: emsig sei der Mensch, anmerkungsreich und auf der Hut – man könnte sich ja sonst eine Blöße geben. Und doch nützt das „methodologisch Approbierte“ (Adorno) nicht viel, wenn das erdrückende Zahlenwerk nur dazu herhalten soll, festgefügte Glaubenssätze abzustützen: Nicht der Osten, die Nato hat vorgerüstet; nicht der Warschauer Pakt besitzt die Überlegenheit bei den euro-nuklearen Waffen, sondern das westliche Bündnis.

Hat die Nato wirklich vorgerüstet? Lutz’ Antwort läßt keine Zweifel zu: „Von der Erprobung der SS-20 erfuhr der Westen erstmals im Jahre 1975 ... Die Entwicklung einer modifizierten Pershing-Rakete hatte doch bereits im Jahre vorher, nämlich 1974 begonnen.“ Schade nur, daß der Autor dieser sensationellen Entdeckung nicht weiter nachgegangen ist. Dann hätte er vielleicht herausgefunden, daß die amerikanische Aufklärung schon 1973 harte Indizien für die Existenz einer weitreichenden Euro-Rakete hatte, die später unter dem Etikett „SS-20“ bekannt wurde. Schade auch, daß Lutz unscharf bleibt, wenn er von einer „modifizierten“ Pershing spricht, um die Historie geradezubiegen: Entwickelt wurde zwar ein präziseres Geschoß mit der gleichen Reichweite wie die der bereits vorhandenen (Kurzstrecken-)Pershing I a, nicht aber die berüchtigte Mittelstrecken-Version Pershing II, die erst ab 1984 in die Bündnis-Arsenale eingehen soll. Die ersten SS-20 wurden bereits 1976 aufgestellt. Wer hat da wohl in diesem Bereich vorgerüstet?

Eigentlich ist die Frage müßig. Unvoreingenommene Analytiker wissen ohnehin, daß Rüstung nicht nach einem simplen „Aktion-Reaktion“-Schema abläuft. Russische und amerikanische Waffentechniker haben seit Jahrzehnten „parallel“ gearbeitet; meistens waren die Amerikaner schneller, manchmal die Russen. Kritischer wird’s, wenn Lutz nachzuweisen versucht, daß die eurostrategische Lücke Lüge ist. Er tut es mit einer dreifach dubiosen Methode.