„Von der Ständeversammlung zum demokratischen Parlament. Die Geschichte der Volksvertretungen in Baden-Württemberg“, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung – Friedrich Treffz-Eichhöfer: „Graswurzel-Demokratie. Vom Werden und Wachsen des Südweststaates.“ Nur ein Bundesland kann den Zeitpunkt seiner Entstehung auf die Minute genau angeben. Denn als Reinhold Maier, der erste Ministerpräsident Baden-Württembergs, die Staatsgründung ausrief, zog er altväterisch und schwäbisch genau seine Taschenuhr und verkündete, die bisherigen Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern seien „zum gegenwärtigen Zeitpunkt, 12.30 Uhr, zu einem Bundesland vereinigt“. Das war am 25. April 1952, also ziemlich genau vor dreißig Jahren. Kein Bundesland feiert aber auch so häufig und eifrig seine Entstehung. Das hat nicht nur damit zu tun, daß das das erste und einzige Exempel einer Neugliederung in der Geschichte der Bundesrepublik ist und wohl bleiben wird. Zumindest ebenso sehr hilft dabei die Neigung zur selbstbewußten Selbstbespiegelung. Zum dreißigsten Geburtstag hat sie sich niedergeschlagen in einem Sammelband, der dem vor allem aus der Überlieferung Württembergs herrührenden Stolz auf die lange Tradition bürgerlicher Beschränkung der Macht im Südwesten einen wissenschaftlich-verständlichen Kranz windet; er macht die Vielfalt der historischen Stränge vorzüglich sichtbar, die in dieses junge Bundesland eingegangen ist. Der Journalist Friedrich Treffz-Eichhöfer, landespolitischer Beobachter von der Stunde Null an, hat eine Geschichte des Landes geschrieben, die die Einsicht beherzigt, daß Geschichte auch aus Geschichten (und Anekdoten, Schnurren und Pointen) besteht. Da erweist sich denn der mit Leidenschaft geführte Streit um das Landeswappen als ein wichtiger Beitrag wenn schon nicht zur Landesgeschichte, so doch zur Kenntnis der an ihr beteiligten Mentalitäten, (Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1982, 376 S., DM 59,-, und Belser-Verlag, Stuttgart 1982, 350 S., DM 38,–) Rdh.

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Toni Sender: „Autobiographie einer deutschen Rebellin“; hrsg. und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler. Über vier Jahrzehnte nach dem Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe hat der Fischer Taschenbuch Verlag in deutscher Übersetzung die Memoiren einer deutschen Sozialisten herausgebracht, die 1933 emigrieren mußte und später Vertreterin des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften bei der UNO war. Toni Sender, 1888 als Kind jüdischer Eltern im Rheinland geboren, machte sich in der Weimarer Republik einen Namen als Reichstagsabgeordnete erst der Unabhäneigen Sozialdemokraten, dann, nach 1922, der wiedervereinigten SPD. Von anderen linken Kämpferinnen für die Frauenemanzipation wie Rosa Luxemburg und Clara Zetkin unterscheidet sie sich nicht nur durch ihren – vergleichsweise gemäßigten – politischen Standort, sondern auch darin, daß sie keine Intellektuelle war. Toni Sender zeichnet sich in ihren Erinnerungen selbst als eine fleißige und erfolgreiche Parteiarbeiterin. Von einer kritischen Aufarbeitung der Rolle, die die früheren Unabhängigen in der SPD spielten, kann keine Rede sein. Daß der linke Flügel der Sozialdemokraten Koalitionen mit bürgerlichen Parteien bestenfalls widerstrebend einging und mehr als einmal von innen her aushöhlen half, findet sie auch rückblickend ganz in Ordnung, Die Frage, wie denn das parlamentarische System überleben sollte, wenn sich die größte republikanische Partei kompromißunwillig zeigte, stellt sie nicht. Lesenswert ist das Buch daher vor allem als Zeugnis einer von Selbstzweifel ungebrochenen linken Strömung innerhalb der Weimarer Sozialdemokratie. (Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1981; 333 S., DM 12,80)

Heinrich August Winkler