München

Die Bügelfalten an den Ärmeln sind scharf, als wären die blauen Hemden gerade aus der Fabrik gekommen. Auch das gelbe Emblem am linken Oberarm strahlt frisch und neu, schließlich ist darauf eine aufgehende Sonne maschinell eingestickt. Darüber die drei Buchstaben FDJ. „Die Hemden sind original“, sagt Alfons Lukas stolz, „die hat uns die Hanne Hiob von drüben mitgebracht. 90 Stück!“ Warum denn da FDJ draufstünde, wo sie doch eigentlich Pfadfinder sind? „Das ist eine komplizierte Geschichte“, antwortet Alfons Lukas, beamteter Regierungsassistent und bayerischer Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Pfadfinder im Bund Demokratischer Jugend.

Diese „Geschichte“ mit den bayerischen Pfadfindern im Gewand der „Freien Deutschen Jugend“ beschäftigt zur Zeit unter anderem den Chef des Liegenschaftsamtes in Essen, Walter Krause, das dortige Verwaltungsgericht, die Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann, die Brecht-Tochter Hanne Hiob und die im Ruhrgebiet vertretene Presse. Die Pfadfinder aus München wollen nämlich am 11. Mai im Essener „Saalbau“ das von Bert Brecht und Paul Dessau 1950 verfertigte Epos „Herrnburger Bericht“ aufführen. Doch die Stadt will ihren Saal dafür nicht zur Verfügung stellen. Die Begründung: Bei diesen Pfadfindern handle es sich um eine ultralinke Organisation. Die nun legte Beschwerde beim Verwaltungsgericht ein. Das Urteil steht noch aus.

Bayerische Pfadfinder als ultralinke Truppe? Die Gruppe, die zur Zeit im Max-Kade-Haus der Studentenstadt München-Freimann fast täglich für den 11. Mai probt, hat mit den Pfadfindern Baden Powells nur noch den Namen gemein. Ihr Programm lautet wie ihre Zeitschrift: „Kämpfende Jugend“. Und mit zum Programm gehören die blauen Hemden mit dem FDJ-Emblem.

„Aufstehen“, knarrt die Stimme des kleinen, etwas pummeligen Mädchens. Sie braucht keine Uniform, die 16 Chormitelieder, Männer, Mädchen und ein etwa zehnjähriges Kind gehorchen auch so. Marion leitet den blaubenemdeten Gesangsverein. Mit kantigen Bewegungen schlägt sie die Viertel und kommt bei den häufigen Wechseln zwischen den Rhythmen manchmal ein bißchen ins Schleudern. Marion ist streng. „Ihr könnt einfach die Liedanfänge nicht“, schimpft sie. „Und bei den hohen Tönen bitte mehr Konzentration!“ Hier hat sie recht. Es sind Laien, die da singen:

„... Zu Herrnburg hinterm Schlagbaum / beginnt der Bonner Staat / Bluthunde streichen schnuppernd / um Fallgrub’ und Stacheldraht ...“ Unterstützt wird der Gesang durch Klavier und Ziehharmonika, was manchmal zu Koordinationsproblemen führt. Aber es ist ja noch Zeit bis zum 11. Mai.

Der „Herrnburger Bericht“ entstand, nachdem im Mai 1959 etwa 10 000 Jugendliche von bundesdeutschen Polizisten zwei Tage lang festgehalten wurden, weil sie beim Pfingsttreffen in Ost-Berlin waren. Bisher wurde Brechts Werk, elf von Paul Dessau vertonte Lieder mit Zwischentexten, nicht veröffentlicht und nur einmal (in Leipzig) aufgeführt. Die Tochter des Dichters, Hanne Hiob-Brecht, brachte ein Exemplar aus der Brechtschen Erbengemeinschaft mit (herausgegeben vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend, Genehmigungsnummer 6255051) und gab es dem Münchner Bund Deutscher Pfadfinder zur Aufführung. „Jetzt singen sie schon recht nett“, sagt sie zufrieden und freut sich auf die Premiere, auch wenn sie weiß, daß sie „wahrscheinlich nicht im ‚Saalbau‘, sondern auf irgendeiner Wiese stattfinden wird“.