Von Jes Rau

Ab Standardthema fürs small talk auf amerikanischen Cocktailpartys konkurriert die böse Inflation seit einigen Jahren mit dem Wetter. Wer beim Whiskey on the rocks oder gekühltem Chablis über die davonlaufenden Preise klagt, kann sich der Zustimmung seines Gegenübers sicher sein. Ein Wörtchen zugunsten der Inflation einzulegen, stieße auf etwa so viel Verständnis, als würde man motherhood und apple pie in Frage stellen. Zumindest der Rhetorik nach ist die Inflation in den USA „Feind Nummer 1“ – oder, wie es ein Fernsehkommentator ausdrückte, „schlimmer noch als die Sowjets.“

Wenn dem wirklich so ist, wo bleiben die Freudenfeste? Wo doch der Große Drache, der Erbfeind am Boden liegt – zwar noch nicht mausetot, aber doch schwer lädiert. Ende vergangener Woche meldete das dafür zuständige Bureau of Labor Statistics, daß die Konsumgüterpreise in den USA im März um 0,3 Prozent gesunken sind – zum erstenmal seit 1965.

Mit welchem Sauseschritt sich die wirtschaftlichen Perspektiven Amerikas verändert haben! Genau vor zwei Jahren zerbrachen sich die Kommentatoren noch den Kopf darüber, ob die Geldentwertung in den Vereinigten Staaten fortschreiten würde wie in der Weimarer Republik. Aber dank des von der Zentralbank eingeschlagenen monetaristischen Kurses bei der Geldversorgung, die den Amerikanern zwei aufeinanderfolgende Rezessionen und wilde Zinsausschläge bescherte, sackte die Teuerungsrate von 13,3 Prozent auf 12,4 Prozent und dann auf 8,9 Prozent im letzten Jahr ab. Im März betrug die auf das Jahr umgerechnete Inflationsrate sogar nur noch 6,8 Prozent. Setzt sich dieser Trend fort, herrschen in den USA – was die Preise anbelangt – bald Schweizer Verhältnisse.

All das klingt zu schön, um wahr zu sein. Das jedenfalls ist die Reaktion der amerikanischen Bevölkerung, die längst nicht davon überzeugt ist, daß der Inflationsdrache besiegt ist. Diese Abhärtung gegen gute Nachrichten beruht auf der Skepsis des gebrannten Kindes, aber auch auf Zweckpessimismus und Selbstbetrug. Denn was heißt hier „gute Nachricht“? Für viele, die sich auf eine endlose Inflationsspirale eingerichtet und die Flucht in die Sachwerte angetreten haben, bedeutet die abflauende Teuerung bad news.

Zu diesen Stabilitätsopfern gehören beispielsweise alle, die sich in den vergangenen zwei Jahren bis an den Hals verschuldet haben, um den enorm gestiegenen Preis für ein Haus bezahlen zu können. Seitdem die Immobilienpreise heruntergehen, bangen vor allem diese frischgebackenen Hauseigentümer um den Wert ihres Besitzes, und die Banken sorgen sich, weil ihre Hypothekenkredite nicht mehr gedeckt sind.

Schlimm dran sind auch viele Farmer, die in Erwartung fetter Getreidepreise sich in hohe Schulden stürzten, um teures Ackerland zuzukaufen oder die neuesten Mähdrescher und Traktoren anzuschaffen. Der drastische Verfall der Agrarpreise, der zum Rückgang der Inflation erheblich beiträgt, hat so manchen von ihnen an den Rand des Bankrottes gedrückt.