Jahrzehntelang haben die Deutschen Milliarden ausgegeben, um ein anständiges Straßennetz aufzubauen; Jahr für Jahr werden Tonnen von Salz auf den ersten Schnee gestreut, um den Verkehr möglichst störungsfrei fließen zu lassen. Da verwundert es, daß ein Auto, das all das nicht braucht, das ausgerechnet auf Schotter, Schnee und Matsch besser fährt als alle anderen, plötzlich als der Weisheit letzter Schluß gepriesen wird.

Die Rede ist vom Audi Quattro. Quattro heißt vier, denn bei diesem Wagen werden alle vier Räder angetrieben. Ein Geländewagen also? Eben nicht. Das „erste schnellaufenden Serienauto“ mit Allradantrieb hieß es bei der Vorstellung in geschraubten Werks-Deutsch; inzwischen wurde das redigiert und liest sich in der Bedienungsanleitung so: „Der Audi Quattro besitzt als einziger Serien-Pkw der Welt einen ständig eingeschalteten Vierradantrieb mit zusätzlich hinzuschaltbaren Differentialsperren.“

Was das bedeutet, läßt sich ganz einfach erklären: Vier angetriebene Räder können mehr Kraft auf den Boden bringen als zwei; und bei Bedarf genügt ein Handgriff, dann können einzelne Räder nicht mehr durchdrehen. Die Wirkung dieser Antriebsart zeigt sich oft – und werbewirksam – bei diversen Rallye-Einsätzen. Der Audi Quattro siegte – oder lag bis zu seinem, allerdings häufigen, Ausfall auf den vordersten Plätzen – weil er besser voran kam als seine Konkurrenten. Wo andere bereits schleuderten, blieb er noch in der Spur.

Für Rallyes war denn auch der Quattro ursprünglich gedacht; Dann aber meinten die Strategen der Volkswagen-Tochter Audi NSU, daß ein solches Auto auch gut in das normale Verkaufsprogramm paßt – als Flaggschiff gewissermaßen.

Das meinten auch die meisten Autotester. Das Fachblatt auto motor Sport sieht „eine neue, realistische Dimension für den Audi-Werbespruch „Vorsprung durch Technik“; die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschreibt den Quattro als „Vorreiter einer fortschrittlichen Technik“ und der stern nennt ihn „Bahnbrecher aus Bayern“. Nicht daß all diese Fachleute die Bundesrepublik wieder zu einem Land der Schotterstraßen und der verschneiten Wege machen wollen; auch auf gewöhnlichem Asphalt und selbst auf trockener Straße attestierten sie dem Quattro außergewöhnliche Fahreigenschaften: Schneller als mit anderen Autos lassen sich Kurven umrunden; zügiger und sicherer kommt der Fahrer ans Ziel.

Die Euphorie hat dabei wohl manchem Tester den Blick für die Realitäten etwas getrübt: Denn fast überall in Deutschland bestimmt nicht die Technik des Autos die Geschwindigkeit, sondern – die Straßenverkehrsordnung. Es hilft nichts, wenn ein Auto gut ist für 170 Stundenkilometer auf kurviger Landstraße: Erlaubt sind auch für den besten Fahrer nur 100. Auf Autobahnen aber sind Kurven so ausgebaut, daß auch für biedere Familienlimousinen Tempo 190 kein Problem ist – auch für den Quattro folglich keine Herausforderung.