Eine Frau und zwei Männer und eine schwarze Pistole. Eine Frau, die in einem Kinozentrum Eintrittskarten verkauft, und zwei Männer, die sich kennen, ohne es zu zeigen, und eine Pistole mit einem Schalldämpfer vor dem Lauf. Alles, was man sieht in diesem Film, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, nichts mit Themen und Problemen, nichts mit Gegebenem und Wahrscheinlichem. Nur mit Kino-Wirklichkeiten, mit Illusionen von Wirklichkeit, mit Geträumtem und Erträumtem.

Eine Frau und zwei Männer und eine schwarze Pistole. Ein Frauenleben und zwei Männer, die ein Spiel in diesem Leben spielen wollen – mit einer eingeladenen Pistole. Dann aber nimmt die Frau diese Pistole an. Und spielt ihr eigenes Spiel, indem sie dafür sorgt, daß die endlich geladen wird. „Kopfschuß“: eine Geschichte, die allein im Kino geschieht. Ereignisse, die allein im Kino sich ereignen. Und Figuren, die allein ein Kinoleben – leben. Ein Film, der deutlich macht, daß er weiß, wovon er spricht und wie er davon spricht.

Was an Jacques Rivette erinnert, der mit seinen Filmen „Duelle“ und „Merry-go-round“ gezeigt hat, wie Variationen filmischer Genremuster entgrenzend wirken können. Das Gehen über eine Straße bei Nacht. Der Griff zur Pistole. Ein leichtes Lächeln. Die Hektik, mit der eine Hand über die Haare streicht. Die schnellen Blicke. Die langen Blicke. Und die Bewegungen der Lippen, die das Unsagbare ausdrücken. In den Rivette-Filmen ist zu sehen, wie im Kino auch die-Sprache des Kinos zum Abenteuer wird. Wie der filmische Hinweis darauf, daß die Geschichten, denen man folgt, sich aus Einzelheiten zusammensetzen, die eigentlich nicht zusammengehören, zum Spiel für oder gegen die Geschichte werden kann. Alles ist inszeniert. Und immer ist deutlich, daß alles inszeniert ist.

Es beginnt mit einem Blick auf zwei Paar Stiefel unter einem Tisch. Im Off unterhalten sich zwei Männer. Die Stiefel bewegen sich, unruhig die einen, rhythmisch die anderen. Ein Mann sagt: „Ich will, daß du einen Killer für mich spielst!“ Und: „Du siehst aus wie ein Killer. Aber du bist kein Killer. Aber das weiß sie nicht.“ Ein anderer Mann sagt: „Laß sie doch in Ruhe!“ Später wird klarwerden, welche Stiefel und welche Stimme zu welchem Mann gehören. Es wird deutlich, daß selbst das Inszenieren inszeniert ist. Das Spiel beginnt schon, bevor man überhaupt weiß, womit Und worum gespielt wird.

Nicht zwischen, eher gegenüber den beiden Männern: eine Frau. Die hat ihre eigenen Träume, auch eigene Vorstellungen von ihrem Alltag; Sie braucht kein Taxi, auch kein Auto; schließlich gibt es genug davon auf den Straßen. Ihre einzige Bedingung ist: Das Auto muß einen Kassettenrecorder haben. Die Tür und auch der Motor sind dann kein Problem mehr. Diese Frau braucht auch keine eigenen Erlebnisse. Die träumt sie intensiver in ihrer Phantasie. Aber eigentlich braucht sie nichts so sehr wie eigene Erlebnisse. Also geht sie Nacht für Nacht hinaus, auf die Straßen und in die Kneipen ihrer Stadt. Doch das, wonach sie sucht, weist immer wieder! auf sie selbst zurück. Ihr Leben in der Nacht bringt ihr keine Begegnung. Und die Neonlichter der leeren Straßen erhellen kaum das Äußere ihrer Gestalt. Nur ihr Reden neben den Worten weist über sie hinaus. Körperhaltungen, Armbewegungen, Blicke: das verweist aufs Kino und auf die Sehnsüchte, die Phantasien, die das Kino in ihr freisetzt.

Eines Tages begegnet sie einem düsteren, unrasierten Mann. Der kaum redet, der nur da ist und sie mustert. Darüber vergibt sie den Mann, der Nacht für Nacht in ihrem Bett auf sie wartet. Als sie dann noch eine Pistole entdeckt, vermag sich ihre Faszination nicht mehr zu begrenzen.

Wenn diese Frau diese Waffe liebkost, liebkost sie auch den Mann, der sie ihr verschafft hat. Beate Klöckner hat in diesem Zusammenhang von einem „Symbol“ gesprochen, das die Pistole verkörperte. Ihre Behandlung sei eindeutig. „Der Phallus des Mannes wird sichtbarer als das Ding selbst.“ Aber die Frau nimmt die Waffe auch als Waffe ernst. Sie schießt damit, sie tötet damit. Was das Symbol zerstört und „das Ding“ wieder sein läßt, was es ist.