Von Heinz Josef Herbort

Da sitzen die Leute im „Wozzeck“, hören, sehen, erleben den Aufschrei der hören, Leut’“, und reihenweise rührt sich keine Hand, gibt niemand ein kleines Zeichen davon, daß er betroffen ist. Was betrifft die Leute heute noch, in der Oper und überhaupt?

Vorstellbar, daß die unbeantwortbare Frage selbst einen sonst recht flink arbeitenden Komponisten lähmt, ein neues Stück für die Opernbünne zu schreiben.

Umgekehrt: Sie strömen hinein, kaufen die Opernhauskassen leer, sitzen gebannt, wenn Wagners Orchesterwalze über sie hinwegdröhnt, sind fasziniert vom leichten Vibratodes italienischen Tenors. Ist es nur die Virtuosität, die sie staunen läßt?

Vorstellbar, daß diese Erfahrung selbst einem zweifelnden, ratlosen, frustrierten Komponisten neue Impulse gibt. Irgendwann muß es doch einmal besser werden.

Nun kann der Dresdner Udo Zimmermann sich über mangelnden Respekt, zu wenig Anerkennung, nicht einlaufende Aufträge nicht beklagen. Vier Opern beispielsweise mit fünfzig Inszenierungen in gut zehn Jahren. 1967, noch während des Studiums an der Dresdner Hochschule und für deren studentische Kammerbühne: „Die weiße Rose“, ein szenisches Requiem auf die Geschwister Scholl – ein erster Versuch über das Problem „Suche nach der eigenen Identität“; 1970 „Die zweite Entscheidung der Wissenschaftler zwischen Forschung und Politik, Ethik und Ideologie – ein erstes öffnen, die eigene Bewegungsfreiheit erprobend, denn schon hier wird das Gewissen über die Parteidisziplin gestellt; 1973 „Levins Mühle“ nach dem Roman von Johannes Bobrowski, der kompositorische Versuch einer Aussöhnung mit dem Ostjudentum; 1977 „Der Schuhu und die fliegende Prinzessin“ nach Peter Hacks – der Mensch zwischen Wirklichkeit und Irrealität, der Leben ein Märchen, das Märchen ein Leben; 1977 wurden die ersten Dresdner Musikfestspiele mit Zimmermanns „Sinfonia come un grande lamento“ eröffnet – eine Art Epitaph auf Federico García Lorca; mit dem Werk des Dichters sollte Zimmermann noch seine liebe Last haben.

Wovon also werden heute die Leute betroffen sein? Von einer Oper über die Arbeitslosigkeit? Über Umweltschutz? Über die Arbeitslosigkeit? Über Über das alternative Leben? Über die Drogenszene? Über außerterrestrische Aktivitäten? Über das Leben nach dem Atomkrieg?