Sie repräsentieren einen großen Teil der europäischen Kultur und gewiß nicht den schlecht testen, die Exilschriftsteller der Sektion deutschsprachiger Länder im internationalen PEN. Und doch wirkt die Gruppe eher verloren, wie sie sich da in das historische Amtszimmer des Oberbürgermeisters von Bonn drängt, um eine der bei solchen Empfängen obligatorischen, unverbindlichen Ansprachen über sich ergehen zu lassen. Man hört fast nur slawische Sprachen, und das ist ein Ausdruck der politischen Lage. Die ehemaligen Mitglieder aus Spanien und Griechenland sind in ihre demokratisierten Heimatländer zurückgekehrt. Außereuropäische Autoren, die aus ihren Ländern flüchten mußten, gehen kaum in die deutschsprachigen Länder Bundesrepublik, Österreich und Schweiz. So bleiben die osteuropäischen Emigranten weitgehend unter sich, nicht eben zum Vorteil ihrer Gruppe. Die ersten Diskussionen auf ihrem Jahrestag in Königswinter am Freitag und Samstag der vergangenen Woche drehten sich darum, ob der sowjetische Imperialismus eine Fortsetzung des zaristischen Expansionismus ist oder eine typisch marxistische Erscheinung. Über solche Fragen, die an die Wunden der eigenen Biographie rühren, können sich diese Emigranten leidenschaftlich streiten, und sie stehen nicht seiten auch im Zentrum ihrer Literatur. Daß diese Literatur zum größten Teil nicht in der Sprache ihrer Gastländer geschrieben wird, ist Vorteil und Fluch zugleich. Einerseits bewahren die Exilschriftsteller etwa Estlands oder Lettlands Sprache und Kultur ihrer Heimat, die von der Sowjetunion unterdrückt werden. Andererseits „gibt es keine Exilliteratur, die langer als eine Generation trägt“, sagt einer der Teilnehmer resignierend. Für einen Autor wie Kasimir Geza Werner, 1900 geboren und mehr als sein halbes Leben im Exil, mag das eine bittere Feststellung sein, bedenkenswert bleibt sie doch. Ausnahmen wie Gabriel Laub, der als Präsident dieser Sektion deutschsprachiger Länder nach acht Jahren sein Amt abgegeben hat, bestätigen die Regel, Er schreibt seit über zehn Jahren deutsch und weigert sich eigentlich auch, als Emigrant „eingeordnet“ zu werden, „ich bin umgezogen“ lautet die einem Satiriker angemessene Untertreibung seines Schicksals. Als Präsident der etwa fünfzig Mitglieder hat er auf internationaler Ebene, bei Tagungen des Zentrums für Exilschriftstellet des internationalen PEN und auf den Sitzungen des PEN-Clubs der Bundesrepublik immer für die Erhaltung seiner Sektion gefochten. Er kennt die Existenzgefährdung.

Manchem passen diese Emigranten nicht in die politische Landschaft der Entspannungspolitik, Den ständigen Forderungen der osteuropäischen PEN-Clubs nach Auflösung des Exil-PEN oder wenigstens einer Umstrukturierung ist zwar nicht nachgegeben worden, aber Wachsamkeit ist notwendig. Die Stimmen der Exilschriftsteller fallen ins Gewicht, mindestens dann, wenn es um Wahlen im internationalen PEN geht. Gefährlicher für die Exil-Autoren aus Osteuropa aber ist innere Auszehrung. Glänzende Namen finden sich kaum in ihren Reihen. Sie aber wären besonders geeignet, der Sektion Aufmerksamkeit zu sichern. Da mag auch eine Rolle spielen, daß die Mitglieder der Sektion die Neigung entwickelt haben, unter sich zu bleiben, sich eher zu unverbindlichen und politisch wenig kontroversen Debatten zu treffen, als wirklich an die Öffentlichkeit der Gastländer zu gehen und in sie hineinzuwirken: Emigrantenschicksal. Dabei haben die meisten Autoren enorme Schwierigkeiten, in ihren Gastländern zu veröffentlichen. Fast ausnahmslos gehen sie Nebentätigkeiten nach, um ihre Existenz zu sichern. Zeltibe Hesse-Avotina, die lettische Autorin und neue Präsidentin der Sektion, ist Assistentin der CDU-Bundestagsabgeordneten Ursula Benedix-Engler, die durch finanzielle Zuschüsse die Tagung in Königswinter/Bonn erst möglich gemacht hat. Hans-Werner Schwarze, der neue Generalsekretär des deutschen PEN, hat durch seinen Besuch dieser Tagung wenigstens zur Entkrampfung der Beziehungen zwischen den beiden Organisationen beigetragen, konkrete Zusammenarbeit aber konnte auch er noch nicht anbieten,

So bleibt eigentlich ein trauriges Bild zu registrieren. Da leben zahlreiche Schriftsteller unter uns, die kaum eine reelle Chance haben, jemals in ihre Heimatländer zurückzukehren. Ihre Exilexistenz ist ein Ausdruck der anomalen Situation unseres Kontinents. Die Kultur ihrer Gastländer wird indessen auch daran gemessen werden dürfen, ob das Gros dieser Menschen eine angemessene intellektuelle und materielle Existenzform findet. Hans-Peter Riese