Es wäre besser, Kinder zu überzeugen, doch in der Regel gelingt das selten

Von Hartmut von Hentig

Macht ist mir nicht anvertraut. Mir sind Kinder anvertraut, und über die haben wir Erwachsenen allemal Macht – ob wir wollen oder nicht.

Wir sind größer und stärker: Wir erreichen die Türklinke. Wir können eine Kiste heben und forttragen. Wir können, wenn wir uns ein wenig recken, über die anderen Menschen hinweg sehen. Uns grüßt der Portier höflich; uns nimmt Nachbars Hans nicht die Sachen weg.

Wir kennen die Welt – ihre Gesetze, Gewohnheiten, Gefahren, Geheimnisse und vor allem die Grenzen: die Grenzen dessen, was man in ihr haben oder erreichen kann. Wir können die selbstverschuldete Ohnmacht vermeiden, in die uns unerfüllbare Erwartungen versetzen.

Wir haben allerlei Fertigkeiten erworben: Wir können eine Schleife binden, ein Spielzeug reparieren, lesen und schreiben, eine fremde Sprache sprechen und verstehen, eine Photographie entwickeln, eine Wunde verbinden, Auto fahren.

Wir haben Rechte: Wir können nicht nur Auto fahren, wir dürfen es. Da wir über unser Eigentum verfügen, besitzen wir die Schlüssel zu verschlossenen Schubladen.