Wer auf den großen Aufstand der SPD-Fraktion gegen das Kabinettsrevirement und besonders gegen die Berufung von Manfred Lahnstein zum Finanzminister gerechnet hatte, wurde arg enttäuscht. Wenn es da Pulver gab, so war es vorher schon verschossen. Wolfgang; Roth, der noch in München geböllert hatte, rühmte plötzlich Lahnsteins fachliche Qualitäten und plädierte dafür, ihm eine Chance zu geben. Bei den Kritikern herrschte das Gefühl vor, jetzt sei ohnehin nichts mehr zu machen. Am bündigsten traf der Abgeordnete Schröder die Stimmung: "Das ist Sache des Kanzlers, er muß das entscheiden und auch verantworten."

Keine Hektik, Gelassenheit in der Fraktionssitzung: Am linken Seitentisch Lahnstein und sein Nachfolger als Kanzleramtschef, Konow, beide sofort von Photographen umlagert. Der neue Finanzminister wirkte keineswegs so, als ob er sich im feindlichen Ausland bewegte. Er ging durch die Reihen, da ein Schulterklopfen, dort ein Händedruck.

Der neue Arbeits- und Sozialminister Westphal kam. Er ist hier, in der Fraktion, zu Hause, geachtet, beliebt. Ein Genosse wünsche ihm viel Glück. Die Antwort klang nicht gerade überschwenglich: "Ich werd’s brauchen."

Fast schien es so, als ob die Verlierer des Tages am heitersten wären. Ex-Postminister Gscheidle sprach von einem langen, schönen Urlaub; der ehemalige Arbeitsminister Ehrenberg verkündete fröhlich und mit Stentorstimme: "Jetzt beginnt die Lebensqualität."

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Manche der Verlierer werden nicht so heiter bleiben. Wer in Bonn ein Amt verliert, um den bildet sich meist schnell eine Zone der Einsamkeit; schlechtes Gewissen, Machtopportunismus und Desinteresse sorgen für Distanz. Der scheidende Regierungssprecher Kurt Becker scheint dieser Bonner Fatalität, zu entgehen. Er hat Freunde gewonnen, nicht nur im Kabinett.

Plötzlich reden viele Journalisten davon, daß sie von ihm ungewöhnlich gründlich und ehrlich informiert worden sind. Sogar im Ollenhauer-Haus heißt es begütigend – und ein wenig in berechtigter Abwehr der Version, Becker sei der Baracke geopfert worden –, bei der Regierungsumbildung sei es doch gar nicht um ihn gegangen. Ein wenig verbittert fragt man sich, warum dann der Regierungssprecher überhaupt ausgewechselt werden mußte.