Im Alter von 64 Jahren starb in seiner Heimatstadt Krakau der ehemalige KZ-Häftling Aleksander Kulisiewicz. Alex – wie ihn seine Freunde nannten – war von 1937 bis 1939 Leiter der Auslandszentrale des Internationalen Demokratischen Studentenvereins in Krakau. Zusammen mit dem Komponisten Stanislaw Hadyna gab er die Zeitschrift „Prosto z Lawy“ heraus, wo er 1937 einen Friedensappell an die Jugend der Welt veröffentlichte. Zwei Jahre später wurde er als „staatsfeindlicher Journalist und Kriegshetzer“ von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin verschleppt. In den 66 Monaten seiner Haft – er wurde am 2. Mai 1945 entlassen – organisierte Alex Lager-Abende, an denen unter anderem Jean Barrault, André Lariboissiere, Josef Capek teilnahmen. Dort schrieb er auch 54 KZ-Lieder, von denen er 21 selbst vertonte. Weitaus mehr Lieder sammelte er in seinem Kopf, die er nach seiner Entlassung auf achthundert Manuskriptseiten niederschrieb. Die SS-Ärzte hatten versucht, seine Stimme durch Einspritzen von Diphtheriebazillen zu zerstören. Das Experiment mißlang, weil Freunde ein Antidotum verabreichten. Die Ärzte fluchten: „Dann laßt ihn singen, den Sauhund.“

Seine Wohnung in Krakau war ein Archiv mit Aufnahmen von KZ-Liedern, Dichtungen, Erinnerungen und dokumentarischen Berichten über das illegale künstlerische Schaffen in den KZs der Nazizeit. Nach dem Kriege trug er das Vermächtnis der Ermordeten, Gefolterten, Gehängten und Vergasten in fast allen Ländern Europas vor. Wenn Alex vor seinen Zuhörern stand – etwas gebeugt, die Gitarre zwischen den Händen – und zu ihnen mit leiser Stimme sprach, wurde spürbar, wie viele Bilder und Erinnerungen aus der schrecklichen Haft in ihm auflebten und ihn bedrängten. Alex sagte einmal: „Es ist meine Pflicht, diese schrecklichen Lieder zu singen. Ich erfülle das Testament meiner gestorbenen Freunde und Genossen. Sie haben mir ihre Lieder immer gebracht und mich gebeten: Alex, hast du noch Platz in deinem Kopf für dieses Lied? Ich war immer so etwas wie das lebende KZ-Archiv, weil ich alles behalten konnte. So singe ich noch heute die Lieder meiner gemordeten Genossen.“

Das Lebenswerk, das der Krakauer Journalist Aleksander Kulisiewicz hinterläßt, richtet sich besonders an die Jugend bei uns. Er schrieb einmal: „Ich singe nicht für das Geld. Mein Singen verstehe ich als Pflicht, als eine Warnung gegen Unmenschlichkeit. “ Karl-Heinz Kammertöns

Platten von A. Kulisiewicz:

„Lieder aus der Hölle“, Da Camera SM 95011.

„Chants de la déportation“, Le Chant Du Monde, LDX 74552.