An Mut hat es dem Internationalen Design-Zentrum in Berlin noch nie gefehlt, an Einfallskraft und Aktualität auch nicht. So ist es erfreulich zu wissen, daß der Senat sich korrigiert hat und dem IDZ auch künftig mit Zuschüssen behilflich sein wird. An der Notwendigkeit dieser Institution, die von Anfang an mehr sein wollte als ein Industrie-Schaufenster für die Gute Form, ändert auch ein Reinfall nichts. Es gab ihn in der vergangenen Woche mit der mittlerweile vierten Entwurfswoche.

In diesen Veranstaltungen sind Architekten und Inhaber verwandter Berufe eingeladen, sich ein paar Tage lang so frei wie irgend möglich die Köpfe zu zerbrechen und zu tun, wozu ihnen unsere so auf verwendbare Ergebnisse erpichte Zeit sonst keine Zeit läßt: zu denken und zu (er-)träumen, was zu denken oder zu (er-) träumen gewöhnlich als unseriös, absurd, welt- und wirklichkeitsfremd verschrien ist, also zu tun, was „man nicht tut“. Tatsächlich war es dem IDZ mehrmals gelungen, anfänglichen Beschimpfungen zum Trotz („Ich bin doch kein Fassaden-Dekorateur!“) Architekten dazu zu bringen, drauflos zu zeichnen, Probleme aus dem Stegreif zu lösen (und, selbstverständlich, nicht zu lösen), der Trivialität der Wirklichkeit mit phantastischen Attacken zu begegnen, kurzum: die Barreren, die die Berufsmoral vor dem Spielen aufgestellt hat, zu ignorieren. Die „Ergebnisse“ haben die Welt sicherlich nicht gleich verändert, aber sie haben sich in vieler Fachleute Köpfe eingenistet, unmerklich.

Vorige Woche ist nun im IDZ wieder gezeichnet worden, und vielleicht war die Ausbeute deswegen so mager, weil die Aufgabe zu direkt gestellt war. Das Thema hieß „Das Außenhaus“. Aufgabe war die „Gestaltung im Bereich zwischen öffentlichem und privatem Raum“. Damit ist angedeutet, was mit dem Begriff des Außenhauses und dem ihm innewohnenden Widerspruch, der seltsamen Vermengung von innen und außen, gemeint ist.

Als ein Teil der „Wohnumwelt“ oder des „Wohnumfeldes“, um dessen Verbesserung sich seit einiger Zeit Politiker und Planer zu kümmern begonnen haben, bezeichnet das Außenhaus den Bereich zwischen Wohnungstür (oder Einfamilienhaustür) und Bürgersteig oder Grundstücksgrenze und schließt auch ein; was in Neubausiedlungen als öffentliches Grün dahinkümmert. Das Außenhaus sind: Treppenhäuser, Hausflure, Eingänge, Windfange und Haustüren, Fenster, Fassaden, Vorgärten, Dachgärten und Höfe, sind Pflaster, Gras, Blumen, Türen, Zäune, Hecken, Mauern, Brandwände.

Das Außenhaus unterliegt meist strengen Reglements, vielen Geboten und Verboten. Um es zu erschließen, überhaupt seine verborgenen Reize zu entdecken und lebendig zu machen, müssen Hauseigentümer und Hausverwalter erst aus ihrer Lethargie geweckt, zur Revidierung ihrer oft sehr hinderlichen Hausordnungen überredet, müssen – vor allem – die Bewohner selber angestiftet werden. Was wäre dafür hilfreicher als ein Katalog von Beispielen?

Wenn sechs interessante Architekten zusammenkommen zu einer Entwurfswoche, sollte daran kein Mangel sein. Jedoch, der Mangel wurde durch sie erst offenbar. Es schien, als hätten ihnen die Erörterungen von sechs klugen Theoretikern, die das Thema auf einer Art von Symposium vorzubereiten hatten, die Phantasie gelähmt. Diese Denker hatten den Entwerfern deutlich gemacht, wie viele Restriktionen, wie viele Hindernisse vor ihnen als Außenhäuserbauern aufgerichtet sind. Vermutlich wagten die Architekten auch deswegen nicht, drauflos zu erfinden, weil sie sich an vier, fünf konkrete Beispiele halten sollten; die waren ihnen von Berliner Wohnungsbauunternehmen genannt worden, welche erfahren wollten, was sie dort für das Außenhaus tun können. Schließlich hatten sie die Entwurfswoche finanziert.

Der Mailänder Architekt Ugo la Pietra verlief sich in artifiziellen Spielereien, dünnblütigen Architekten-Kapricen: Er wollte Bewohnern ihr Außenhaus mit angedeuteten Häusern im Freien erst einmal bewußt machen, er wollte auch kleine Häuser an einem Brandgiebel befestigen und mit Treppen verbinden. Die Künstler-Architekten Haus-Rucker-Co aus Düsseldorf schlugen vor, ein Flachdach durch ein gläsernes Mansarddach und Hausgärten darunter zu ersetzen; den Bürgersteig parzellierten sie und regten dafür verschiedene Pflasterdekors an. Der Bad Nauheimer Architekt Johannes Peter Hölzinger rettete sich ins Allgemeine und glaubte, erst einmal Grundsätzliches klären zu sollen. Die Schweizer Gruppe Metron und der Schinkel-Preisträger Helmut Böse aus Kassel versuchten es konkreter: Die einen pflanzten in einen engen quadratischen Hinterhof einen Baum und zeichneten rundum gläserne Pultdächer, die anderen entwarfen einen durch Pflanzen sehr praktisch gegliederten Hof.