Es ist schon von fast perverser Ironie, jedenfalls ein spezifisch amerikanischer Scherz, daß inmitten der Reagan-Ära, da die Rechten in Washington ihre Muskeln spielen lassen, ausgerechnet die beiden teuersten der von Banken und Konzernen finanzierten ‚big budget’-Produktionen Hollywoods – Milos Formans „Ragtime“ und Warren Beattys „Reds“ – Loblieder auf die amerikanische Linke singen. „Ragtime“, immerhin, war die Verfilmung eines Bestsellers von E. L. Doctorow. Hinter „Reds“ steht kein erfolgreiches literarisches Werk als „Legitimation“ für die Behandlung eines solch brisanten Themas: nur die Faszination und die 15jährige intensive Schürfarbeit von Warren Beatty – Hauptdarsteller, Co-Autor (mit dem britischen Dramatiker Trevor Griffiths), Produzent und Regisseur –, der die Figur des im Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit halb vergessenen amerikanischen Linken John Reed (1887-1920) zum Gegenstand einer Legende zu machen sucht.

John Reed (von seinen Freunden Jack genannt): Harvard-Absolvent aus reicher Familie; schon früh aktives Mitglied der Gewerkschaftsbewegung; Playboy und Poet; Abenteurer und Journalist (der in der mexikanischen Revolution mit Pancho Villa ritt und zu dessen mitreißenden Augenzeugenbericht über die Oktober-Revolution, „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“, Lenin das Vorwort schrieb); Mitbegründer der Kommunistischen Partei Amerikas; gestorben an Typhus und Schlaganfall kurz vor seinem 33. Geburtstag; beigesetzt an der Kreml-Mauer. Für John Dos Passos war er „der beste Schriftsteller seiner Zeit“; für Upton Sinclair „ein Playboy der sozialen Revolution“. John Reed: ein Byron-Held des amerikanischen Radikalismus im Zeitalter der Unschuld.

„Reds“ = „Rote“: Schon der Titel des Films, zugleich treffend und irreführend, reflektiert, wie geschickt Beatty humanistisches Sentiment in ideologische Kühnheit zu hüllen weiß (dafür gab es drei Oscars: für die beste Regie; für Vittorio Storaro als besten Kameramann; und für Maureen Stapleton in der Rolle der Feministin Emma Goldman als beste Nebendarstellerin). Denn „Reds“ ist ein Film über ein politisches Thema, aber kein politischer Film (vielmehr: ein biographischer).

„Rote“ war wohl gewiß ein Schimpfwort, das man John Reed (Beatty) und seiner Geliebten, Ehefrau und Kampfgefährtin Louise Bryant (Diane Keaton) häufig entgegengeschleudert hat. „Waren sie wirklich Sozialisten?“ fragt einer der vielen „Augenzeugen“, die in diesem Film interviewt werden. Und ein anderer: „Ich weiß nicht, was die Welt von ihnen hielt, aber sie waren ein Paar.“ Und von diesem Paar und seiner oft stürmischen Beziehung erzählt dieser Film.

Von der Leidenschaft einer Liebe, die unabdingbar mit der Leidenschaft zur Politik verbunden war: ein Mann und eine Frau – und die Revolution. Davon, wie man zur rechten Zeit am rechten Ort ist und doch der Revolution hinterherrennt. In der ersten Szene des Films (einer kurzen Rückblende) sieht man Reed durch die mexikanische Steppe rennen und auf einen Wagen mit Revolutionären springen. Gegen Ende – er ist längst kränkelnd und von Zweifeln erfüllt nach einer heftigen Auseinandersetzung mit Grigorij Sinowjew, dem Vorsitzenden der Komintern (Romancier Jerzy Kosinski), der Zitronen, Zwiebeln und Reden schneidet, ohne eine Miene zu verziehen – läuft er einem Geschützwagen der Rotarmisten, die sich gegen angreifende Weiße wehren, vergeblich nach.

Es ist verständlich, wenn man auf diesen Film, der die Historie personalisiert und komplexe politische Ideen so reduziert, daß sie wie Fußnoten zu einem nicht ausgeführten Thema erscheinen, verärgert oder verwirrt reagiert. Wer eine Revolutions-Chronik erwartet und statt dessen eine ‚Love Story‘ präsentiert bekommt, kann die beiden Teile dieses 200 Minuten langen und 35 Millionen Dollar teuren Films mit bösem Sarkasmus charakterisieren als „Annie Hall in Greenwich Village anno 1915“ (I) und als „Jack und Louise treffen Dr. Schiwago“ (II). Was ja auch nicht unbedingt zu verachten ist – angesichts des verschwenderischen Schaugepränges, mit dem dieses scheinbar banale Spektakel zelebriert wird.

Doch solcher Blick „übersieht“ vielleicht die Faszination dieses Versuchs, die heroische Geste mit dem intimen Moment zu versöhnen und das Nicht-Zusammenpassende zu kombinieren: Dokumentarisches und Fiktives, Sex und Politik, Politik (ergo: Klassenkampf und Revolution) und Hollywood (ergo: Romanze und Spektakel). Und „überhört“ vielleicht das so melodisch Harmonisierende dieses Melodrams: das Wechselspiel zwischen der melancholischen Ballade „I Don’t Want to Play in Your Yard“ und dem mitreißenden Solidaritätssong der „Internationale“.