Von Carl Christian Kaiser

Bonn, im April

Wenn alles seinen regulären Gang geht, dann werden die Hannoversche Straße Nr. 30, der Sitz der Ständigen Bonner Vertretung in Ost-Berlin, und die Kuckhoffstraße Nr. 41–43 in Niederschönhausen, die Residenz des Bonner Abgesandten für die DDR, nicht lange verwaist sein. Helmut Schmidt hat den Wechsel bereits telephonisch mit Erich Honecker besprochen; Klaus Bölling, der bisherige Vertreter in der Hauptstadt der DDR, wird seinen vertrauten Platz als Regierungssprecher vor der Bonner Pressekonferenz schon an diesem Freitag wieder einnehmen, und die Ankunft seines Nachfolgers Hans-Otto Bräutigam in Ostberlin wird nicht lange auf sich warten lassen. Bedenken wegen seiner Herkunft aus dem Auswärtigen Amt spielten, obwohl die beiden deutschen Staaten nach Bonner Doktrin nicht Ausland sein sollen, am Rhein nur am Rande eine Rolle.

War die Kabinettsumbildung ein qualvoller Prozeß, so hat sich diese Umbesetzung ebenso rasch wie überraschend vollzogen – nicht für Klaus Bölling, wohl aber für Hans-Otto Bräutigam, der sich noch vor wenigen Tagen ganz und gar nicht vorstellen konnte, daß die Wahl auf ihn fallen würde. Doch als Hans-Jürgen Wischnewski, der in die Regierungszentrale zurückgeholte Kanzleramtsminister und dort wieder zuständig für die innerdeutsche Politik, am letzten Wochenende bei Bräutigam anrief, da hat das Gespräch nur wenig mehr als eine Minute gedauert.

Der Gang über die Weidendammer Spreebrücke zur Bonner Vertretung, „da wo die Friedrichstraße sacht den Schritt über das Wasser macht“, wie Wolf Biermann es beschrieben hat – dieser Gang ist für Hans-Otto Bräutigam freilich so neu nicht. Auch er ist ein Rückkehrer, vielleicht sogar ein Heimkehrer. Schon Anfang Mai 1974 bildete er das Vorauskommando für die noch im Aufbau begriffene Ständige Bonner Vertretung; die drei Jahre danach, als Stellvertreter des ersten Missionschefs, Günter Gaus, und Leiter der politischen Abteilung im Hause, zählt er zu seinen glücklichsten.

Damals waren alle Beteiligten vom Pioniergeist ergriffen, von Neugier auf den anderen deutschen Staat, seine Funktionäre und Menschen, und auf so viele unbekannte Landschaften. Damals galt es aber auch, sich den deutsch-deutschen Spannungen auszusetzen, zum Beispiel bei den Besuchen bei DDR-Häftlingen aus der Bundesrepublik, die Gaus jedermann in der Vertretung zur Pflicht machte. Es gab auch die umfangreiche, strapaziöse Kleinarbeit, bis sich das amtliche Regime widerstrebend und vorsichtig zu öffnen begann, bis Deutsche und Deutsche halbwegs normal miteinander verkehrten. Und es gab vor allem auch die Entdeckung, wieviel Zusammenhalt und Gemeinsamkeit unter den Vorzeichen der Trennung erhalten geblieben waren. Manchem Mitarbeiter der Bonner Vertretung wuchs das im Uckermärkischen oder im Thüringischen wie durch die Fußsohlen.

Damals hatte sich Bräutigam, zur diplomatischen Verwendung in Rumänien vorgesehen, schon ein Haus in Bukarest gemietet. Aber die Deutschlandpolitik holte ihn, wie so oft zuvor, wieder ein. Irgendwie waren die Schienen schon gelegt, als der junge Jurist, der in München, Bonn und an der Harvard Law School studierte, mit einer Arbeit über die österreichische Nachkriegsneutralität promovierte und zu dem Schluß kam, darin stecke für Deutschland kein Modell. Die Assistenzzeit am Heidelberger Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht erschien ihm schließlich wie ein Aufenthalt im Elfenbeinturm; das Interesse an praktischer Politik wuchs, ohne daß Bräutigam sie zum Beruf machen wollte.