Wenn der erste Band einer neuen Reihe mit militärgeschichtlichen Beiträgen gleich von zwei so unterschiedlichen Themen wie "der Bauernkrieg in Deutschland aus militärgeschichtlicher Sicht" und "Probleme der Abrüstung in Bayern von 1816 bis 1866" eingeleitet und schließlich beendet wird von einem Aufsatz "Generalausbildung und Führungsdenken in der deutschen Luftwaffe 1933-1945", dann darf der Herausgeber mindestens auf die Neugier des angesprochenen Lesers rechnen: Sind das programmatisch gesetzte Eckpunkte eines unbegrenzten Spektrums von Spezialarbeiten der Geschichtswissenschaft? Wer ist der Vielfraß, der das verdauen kann oder muß?

Solche Neugier wird rasch und mit banaler Antwort befriedigt: Das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Freiburg veranstaltet jedes Jahr in Städten, die Hochschule und Bundeswehr beherbergen, für Lehrstabsoffiziere Fortbildungslehrgänge. Die dabei gehaltenen Vorträge nachlesbar und darüber hinaus der Truppe zur Behebung von Geschichtslosigkeit zugänglich zu machen, dient die neue Reihe, von der jetzt zwei Bände vorliegen:

"Vorträge zur Militärgeschichte", Band 1: "Einzelprobleme politischer und militärischer Führung", Band 2: "Menschenführung in der Marine", herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt; Verlag E. S. Mittler, Herford und Bonn, 132 und 124 S., je DM 16,80 DM.

Beide Bände enthalten je sechs Aufsätze. Der erste Band, ein im Vorwort neckisch "bunter Strauß" genanntes Sammelsurium, gibt eine Auswahl von Referaten aus den Fortbildungsveranstaltungen dreier Jahre (1977 bis 1979). Ein roter Faden ist nicht erkennbar, eine verbindende Qualitätsklammer fehlt. Der erste Band enthält einen bedeutsamen Beitrag, auch im Hinblick auf das angestrebte Ziel der neuen Reihe, der Geschichtslosigkeit entgegenzuwirken: Manfred Messerschmidt belegt, daß von den Plänen und Vorstellungen der Reichswehrführung in der Weimarer Republik bis zur Feststellung für die Mitte der dreißiger Jahre, die Wehrmacht fühle sich im NS-Staat zu Hause, eine gerade Entwicklung führte.

Der zweite Band steht unter einem Gesamtthema. Es ist das eines Lehrgangs (im Jahre 1980). So soll es auch bei den Folgebänden sein. Das ist in sich schlüssig, gibt aber weder Garantie für ein durchgängiges Niveau der Beiträge noch für jenen Grad von Lesbarkeit, der dem Erschließen spröder oder peripher scheinender Stoffe höchst hilfreich ist. Dabei ist gerade die Thematik der "Menschenführung in der Marine" von Tirpitz bis Dönitz in ihrer politischen Auswirkung militärhistorisch besonders aufschlußreich. Man erfährt davon im Band 2 der neuen Reihe nebst manchem Reflexen alter Traumate auch Bemerkenswertes. Daß gleichwohl Richard Georg Plaschkas Beitrag über "Phänomene sozialer und nationaler Krisen in der k. u. k. Marine 1918" unter den sechs Arbeiten die beste Lektüre vermittelt, liegt nicht allein am Stoff: Wer weiß schon, daß acht Monate vor dem Aufstand der kaiserlichen Hochseeflotte schon in der österreichischen Marine, blutig geahndet, gegen die Führung aufbegehrt wurde? Der Aufsatz ist saftig und zugleich wissenschaftlich geschrieben.

Die neue Reihe "Vorträge zur Militärgeschichte" wird weitergehenden Ansprüchen besser genügen, wenn sie nach solchen Maßstäben selektiert wird.

Bernhard Wördehoff