Von Erika Martens

Zwei lange Tische hatten die Genossen von der SPD während ihres Münchner Parteitages in der Arena der Olympiahalle den Kollegen vom Gewerkschaftsrat reserviert. Und am ersten Tag gab die Crème der Arbeitnehmervertreter sich denn auch die Ehre, sie machte brav ihre Aufwartung. Doch schon am zweiten Tag hatten sich die Reihen sichtlich gelichtet. Die Gewerkschafter waren zu Terminen geeilt, die ihnen wichtiger die schienen.

Heinz Oskar Vetter zum Beispiel, der DGB-Vorsitzende, mußte in Den Haag den Kongreß des Europäischen Gewerkschaftsbundes eröffnen, und sein designierter Nachfolger Ernst Breit folgte ihm wenig später nach. "Die Terminierung dieses Kongresses ist eine tolle Leistung des Büros Vetter", kommentierte ÖTV-Chef Kluncker süffisant. Er gehört denn auch zu den wenigen Gewerkschaftsbossen, die den Debatten der Genossen in München über eine weite Strecke mit Aufmerksamkeit folgten. Auch NGG-Vorsitzender Günter Döding und IG-Bau-Chef Sperner tauchten immer mal wieder in den Gängen der weitläufigen Olympiahalle auf.

Dennoch: Die meiste Zeit waren die beiden reservierten Reihen leer. Und der eine oder andere Spitzenfunktionär war gar nicht erst angereist, Leonhard Mahlein etwa von der IG Druck und Papier zog es vor, sich im stern kritisch zur Politik der Regierung zu äußern. "Kehr um, Helmut Schmidt", schrieb er dem Kanzler unter Hinweis auf die zunehmend unternehmerfreundliche Politik der Bonner Regierungskoalition ins Stammbuch.

Beim Parteitag selbst tauchte "Loni" Mahlein nicht auf; er hatte in jener Woche Tarifverhandlungen. "Das ist eine rüde Umgangsform, hier durch Abwesenheit zu glänzen und seinen Ärger im stern abzuladen", kommentierte Kluncker erbost. "Das ist ein schlechter Stil."

In der Tat hätte Mahlein seinen Unmut wirkungsvoller im Plenum des Parteitages abladen können. Zum erstenmal nämlich hatte der SPD-Vorstand den Vertretern des Gewerkschaftsrates – und dazu gehören die Vorsitzenden der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG), des DGB und seiner Einzelgewerkschaften – während des gesamten Kongresses Rederecht eingeräumt. Doch außer IG-Bergbau-Chef Adolf Schmidt, der zugleich sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter ist, und seinem Kollegen Hermann Rappe vom Vorstand der IG Chemie, der auch Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Arbeit und Sozialordnung ist, meldete sich keiner der Spitzenfunktionäre zu Wort.

Die Geste des SPD-Vorstands, mit der die "Partei der Arbeit" ihre Nähe zu den Arbeitnehmervertretungen demonstrieren wollte, blieb in München ohne deutliche Resonanz. Fast schien es gar, als sei die Teilnahme an der Parteiveranstaltung für die Gewerkschaftsfunktionäre mehr Pflicht denn Neigung. Haben sie sich auseinander-Pflicht die beiden Teile der Arbeiterbewegung?