Daß die Bauern in dem senegalesischen Dorf M’dhoor nach der katastrophalen Mißernte des Jahres 1980 nicht ihre von der Dürre ausgezehrten Äcker aufgaben und sich auf die Suche nach einem unsicheren Gelegenheitsjob in die ferne Landeshauptstadt Dakar aufmachten, das rechnen sich die Entwicklungspolitiker der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel – nicht ganz zu Unrecht – als Verdienst an. Denn wie in vielen anderen Dörfern in der Sahelzone des Senegal erhielten auch die Bauern von M’dhoor über ihre Kooperative Regierungszuschüsse, mit denen sie Saatgut und Pflanzen kaufen und ihre Bewässerungsanlagen ausbessern konnten. Die Zuschüsse wurden zu einem beträchtlichen Teil von der Europäischen Gemeinschaft (EG) finanziert.

Die EG garantiert nämlich im Rahmen der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit des Abkommens von Lomé, dem inzwischen sechzig afrikanische, karibische und pazifische Entwicklungsländer (AKP-Staaten) angehören, die meist von der Ausfuhr einiger weniger Grunderzeugnisse abhängigen sind, eine gewisse Mindesthöhe ihrer Exporterlöse. Diese im Brüsseler Beamten-. Jargon Stabex genannte Versicherungskasse gegen weltwirtschaftliche Wechselfälle ist bislang der originellste Beitrag der EG zur praktischen Lösung der auf der internationalen Konferenz endlos hin und her gewalzten Rohstoffprobleme. Doch jetzt ist dieses Abkommen in Gefahr. Die anhaltende Trockenheit im Sahel hat zu einer Serie von Mißernten geführt. Hinzu kommt der Preissturz an den internationalen Warenbörsen für Kaffee und Kakao. Sie haben die Anträge der AKP-Länder auf Ausgleichszahlungen aus der Brüsseler Stabex-Kasse derartig in die Höhe schnellen lassen, daß die verfügbaren Mittel nicht mehr ausreichen. Auf der Anfang Mai in Libreville, der Hauptstadt von Gabun, angesetzten nächsten gemeinsamen Ministerratstagung der EG und der AKP-Länder wollen die Entwicklungsländer daher die Bereitschaft der Europäer, mehr Stabex-Mittel bereitzustellen, zum „Testfall“ der Zusammenarbeit machen.

Rund 1,375 Milliarden Mark, ein Drittel mehr als während der fünfjährigen Laufzeit des ersten Lome-Abkommens, stehen von 1980 bis 1985 für Ausgleichszahlungen aus dem Stabex-Fonds zur Verfügung. Auf diesen Betrag hatte man sich 1979 bei der Erneuerung des Vertrages mit den AKP-Ländern auf Grund einer simplen Hochrechnung auf der Basis der bisherigen Erfahrungen und des erweiterten Garantierahmens geeinigt. Die Zahl der teilnehmenden Entwicklungsländer hatte sich nämlich seit 1975 erhöht, und die Liste der Produkte, für die Ausgleichszahlungen zur Stabilisierung von Exporterlösen beantragt werden konnten, war von zwölf auf immerhin 44 verlängert worden. Neben Erdnüssen, dem Haupterzeugnis der Sahel-Länder, neben Kaffee, Kakao und Bananen wurden nun auch etwa Angoraziegenhaare oder ätherische Öle in das System einbezogen.

Daß die Stabex-Mittel nicht hinreichen, die Einnahmeausfälle der AKP-Länder beim Export ihrer landwirtschaftlichen Grunderzeugnisse in die EG voll auszugleichen, hat freilich außer dem Zusammenfall von wiederholten Mißernten und anhaltendem Preisverfall an den Rohstoffbörsen noch andere Gründe. Sie liegen in der Konstruktion des Systems selbst.

Bezugsperiode für die Höhe von Ausgleichszahlungen sind nämlich die Exporterlöse der vorausgegangenen vier Jahre. Für die Kompensationszahlungen für 1981 sind daher die Statistiken von 1977 bis 1980 maßgebend. Und die weisen mit Ausnahme von 1980 eine überdurchschnittlich gute Absatzlage aus. Der Einnahmeausfall der Entwicklungsländer ist also im Vergleich dazu 1981 wie bereits 1980 relativ groß. Erst wenn die Baisse-Jahre die Referenzperiode bestimmen, werden auch die Ausgleichszahlungen wieder geringer.

Tatsächlich konnten die eingereichten Anträge schon für 1980 nur noch zur Hälfte befriedigt werden, da die in Jahrestranchen aufgeteilten Fondsmittel, von einem zwanzigprozentigen Vorgriff auf die Mittel des nächsten Jahres abgesehen, nicht überzogen werden dürfen. Für 1981 liegen bereits Anträge auf Ausgleichszahlungen in Höhe von einer Milliarde Mark vor, davon sollen allein 950 Millionen Mark die Erlösverluste bei Erdnüssen, Kakao und Kaffee abdecken, die Ländern wie Senegal, Elfenbeinküste, Kenia, Tansania oder Sudan entstanden sind. Nur 275 Millionen Mark stehen jedoch in diesem Jahr für Ausgleichszahlungen zur Verfügung. Ein EG-Sprecher: „Ohne empfindliche Kürzungen der Anträge wird es auch diesmal nicht abgehen.“

Die Entwicklungsländer wehren sich dagegen. Doch trotz der harten Sprache, deren sie sich anläßlich der Vorbereitung der Ministerratstagung in Libreville befleißigen, gibt es kaum Zweifel, wie der „Testfall“ für die Kooperation der EG mit den AKP-Ländern ausgehen wird. „Wir sehen doch“, räumt Seydina Oumar Sy, der Botschafter Senegals bei der Gemeinschaft, ein, „wie in der EG über Finanzen verhandelt wird.“