Washingtons Kraftmeierei beunruhigt die Europäer

Von Marion Gräfin Dönhoff

Die kritischen Äußerungen über Präsident Reagan, die Erhard Eppler und Oskar Lafontaine auf dem SPD-Parteitag in München von sich gaben, werden sicherlich wie Schockwellen über den Atlantik gebraust sein – und darüber mag dort vergessen werden, daß nur 30 Prozent der Delegierten beim Nato-Doppelbeschluß für die beiden Oppositionellen stimmten, aber 70 Prozent für den Kanzler.

Augenblicklich sind wieder einmal Argwohn und Mißtrauen gegen die Bundesrepublik ein gängiges Klischee. Wer kürzlich auf der deutschenglischen Konferenz in Cambridge die westlichen Sanktionen gegen Polen um der Polen willen mißbilligte, löste bei vielen Engländern den Verdacht aus, die demokratische Gesinnung der Deutschen sei eben doch nur eine sehr dünne Tünche. Und wie die Franzosen uns in diesem Zusammenhang sahen, brachte damals, nach den Ereignissen in Polen, jene Karikatur des Express einprägsam zum Ausdruck, die Helmut Schmidt zeigte, wie er kniend dem hochaufgerichteten, triumphierend dreinblickenden Breschnjew die Stiefel putzt, während Hitler und Stalin sich im Hintergrund die Hand reichen.

Vor zwei Wochen berichtete Ralf Dahrendorf in der ZEIT, offenbar durch die Londoner Umwelt inspiriert: "Es entgeht Deutschlands europäischen Freunden nicht, daß die Bereitschaft, den Löwenanteil des EG-Haushalts zu zahlen, zumindest ein nützlicher Schutz vor unbequemen Fragen ist, sie kann sogar ein Desinteresse sein." Die Bundesrepublik, die im vorigen Jahr mit 5,3 Milliarden Mark der einzige Netto-Einzahler war, soll dies also aus schlechtem Gewissen oder Desinteresse getan haben, während "die Erregung, mit der die Briten ihren EG-Beitrag noch immer erörtern, zeigt, daß ihnen Europa alles andere als gleichgültig ist".

Von ähnlicher Logik zeugte im gleichen Artikel die Feststellung Dahrendorfs, die Angst der Deutschen, "über die sich die halbe Welt belustigt", sei freischwebend und sachlich nicht begründet: "Sie ist vielmehr die deutsche Reaktion auf jenes schwankende Bild, das unser Land der Welt heute bietet." Deutsche Angst als deutsche Reaktion auf das deutsche Bild – die Armut kommt von der pauvreté. Nein, die Angst hat sehr handfeste Gründe. Und sie hat sehr viel mit unserem Verhältnis zu Amerika zu tun.

An plötzlich aufbrechende Vorwürfe und Verdächtigungen von Europäern sind wir gewöhnt und nehmen sie nicht tragisch, weil wir wissen, daß sie kommen und gehen. Aber daß ein drei Jahrzehnte lang unbeschwertes Verhältnis zu Amerika mit einem Mal gestört erscheint, ist besorgniserregend. Wer helfen will, die Beziehungen wieder ins reine zu bringen, muß sich vor allem darüber klarzuwerden versuchen, wodurch sie denn eigentlich belastet werden.