In den Leserbriefen, die den ZEIT-Glossenschreiber in großer Zahl erreichen, werden viele Anregungen gegeben, Wünsche geäußert, Beschwerden geführt, Fragen gestellt. Die häufigste Beschwerde: Ich möge doch vor der eigenen Tür kehren, in der ZEIT gebe es genug Beispiele für schlechtes Deutsch. Wir wollen uns bessern.

Die häufigste Frage: Welche Bücher zum Thema „Gutes Deutsch können Sie mir empfehlen? Ich bitte darum, nicht für überheblich gehalten zu werden, wenn ich dann antworte: Gäbe es ein Buch, das wenigstens ich als völlig befriedigend empfände, dann blieben diese Glossen ungeschrieben. Ich war immer dagegen, bereits Gedrucktes in der Zeitung noch einmal abzudrucken.

Um den Leserbriefschreiber nicht ganz unbefriedigt zu lassen, füge ich meistens hinzu: Die Bücher von Eike Christian Hirsch habe ich immer mit Interesse und oft mit Gewinn gelesen; Die „Stilkunst“ von Ludwig Reiners ist nicht mehr taufrisch, aber noch immer das Beste, was es in dieser Art gibt Am ehesten empfehlenswert sind schließlich doch die Veröffentlichungen der Duden-Redaktion. Sie arbeitet gewissenhaft und sachkundig!

Vielleicht bedarf es eines solchen Hinweises, um lesenswerte Bücher herauszuheben aus der Fülle des Quatsches, der zum Thema „Gutes Deutsch“ meistens in schlechtem Deutsch geschrieben und massenweise auf den Markt geworfen wird. Es wimmelt da von mindestens Überflüssigem. Man fragt sich vergebens, wer denn solche Bücher kauft oder gar liest. Sie brauchen meistens nicht verkauft zu werden. Sie werden subventioniert.

Das jüngste überflüssige Buch dieser Art ist der Band III einer Reihe, die im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vom traditionsreichen Verlag Klett-Cotta veröffentlicht wird. Da werden Referate zusammengestellt, die so gut wie nichts miteinander zu tun haben. Als sie vorgetragen wurden, mögen einige von ihnen ganz interessant gewesen sein. Jetzt, auf kostbares schweres Papier gedruckt und in Leinen gebunden, wirken sie völlig deplaziert neben Romanen, Gedichten und wissenschaftlichen Abhandlungen in Paperback. Der Gedanke, daß dieser pompöse Unfug, zumindest indirekt, vom Steuerzahler finanziert wird, empört mich.

Mit dem Titel fangt es an: „Schulen für guten Sprachgebrauch“. Jeder Volontär einer Zeitung lernt, daß Titel zwar originell und pointiert, aber doch nicht nach dem Rezept jenes geschäftstüchtigen Verlegers gefertigt sein sollten, der einen schwachen Roman Unter die Leute bringen wollte. Da fragt er seinen Autor: „Kommen Pauken vor?“ Antwort: „Nein.“ „Kommen Trompeten vor?“ „Nein.“ „Prima! Dann nennen wir das Buch ‚Ohne Pauken und Trompeten‘.“

Es ist in dem Luxusband nicht von „Schulen für guten Sprachgebrauch“ die Rede, sondern allenfalls vom keineswegs immer guten Sprachgebrauch in unseren Schulen, wie sie nun einmal sind. Im Inneren des Bandes werden die Titel dann weniger Inneren Einige von ihnen mögen als Beispiele dafür stehen, was die – außerhalb des Kreises der Beteiligten – wenigen Leser erwartet: „Mündliche Kommunikation und gesprochene Sprache.“ Mir klingt das wie „dubiose Reinkarnation und zweifelhafte Wiederauferstehung“. – „Unterricht als regelgeleiteter Handlungszusammenhang.“ Schüler als regelverwirrte Handlungsgehilfen. – „Probleme und Ergebnisse der Lehrplanevaluation.“ Die Plane, die da valuiert wird, könnte einen geradezu zum teutschen Sprachreiniger werden lassen. – „Die Verhinderung einer hochsprachlichen Ausbildung durch Curriculumstrategie.“ Der Autor scheint sie schon hinter sich zu haben. – „Didaktiver Alternativvorschlag: Beherrschung und Kenntnis geltender Sprachnormen bei gleichzeitigem Engagement für ihre Reform.“ Der sichere Weg der Mitte: Hü bei gleichzeitigem Hott. – „Kommunikationsbehinderungen nicht ausschließlich hochsprachlich geprägter Sprecher in der Schule.“ Ich habe immer gefürchtet, mit diesen Schulsprecherprägungen konnte etwas nicht in Ordnung sein. – „Über Tendenzen der Schul-Sprache im Aon der Verwissenschaftlichung und im Rahmen der verwalteten Schule.“ „Im Äon und im Rahmen“ – ob so Was wirklich auf unschuldige Schüler losgelassen werden darf? Das mit der „Verwissenschaftlichung“ stimmt schon; aber solange sie sich vor allem in kommunikativen Äonenevaluationen wie den hier genannten äußert, müssen wir sie nicht allzu ernst nehmen. Leo