Goldene Berge verspricht sich der Pfalzfahrer. Unter die Leut’ wird er gehen, Wein trinken in fröhlicher Runde – hier kommt jeder mit jedem ins Gespräch – teilhaben an Gelächter und Scherzen und breughelscher Szene. Da ißt man mehr, als man wollte, trinkt mehr, als man sollte, und es kann vorkommen, daß der Wirt nachts um eins die Nachbarin rausklingelt: „Du, sag mal, hast du noch zwei Betten frei?“

So fing der Fremdenverkehr an in der Pfalz, Inzwischen hat eine so feine, kleine Gemeinde wie Rhodt unter Rietburg für 1981 Übernachtungszahlen von 20 000 zu melden. Und das, obwohl nur ein Gasthof am Platze zehn Betten anzubieten hat – der Rest ist privat.

Vor fünf Jahren war hier Tourismus noch ein Fremdwort. Inzwischen sind Wein und Fremdenverkehr (vor allem im Bereich der rührigen „Südlichen Weinstraße“) eine Vernunftehe einmaligen, die sich für beide Teile als höchst ersprießlich erwies. Rund achtzig Prozent ihres Weines vermarkten die Winzer selbst: Sie verkaufen ihn an ihre Wochenendgäste, an ihre Urlauber und bei Winzerfesten.

Der Gast, der in die Pfalz fährt, kommt zwar auch des Waldes, vorrangig aber des Weines wegen. Er will ihn verkosten, neue Sorten, neue Lagen kennenlernen, vergleichen, darüber allmählich zum Weinkenner werden – und er packt sich bei Abreise den Kofferraum voll mit eben jenen Weinen, die ihm am besten gemundet haben, ein trockener Kerner von 1980, ein 79er fruchtiger Riesling Kabinett.

Fast alle deutschen Lande bieten heute „Ferien auf dem Bauernhof“ an, längs der Deutschen Weinstraße kann man „Ferien auf dem Winzerhof“ Buchen. Die Broschüre, neu aufgelegt für 1982, verzeichnet zwischen Schweigen-Rechtenbach im Süden, schon nahe der elsässischen Grenze, und Kallstadt im nördlichen Bereich der Deutschen Weinstraße eine Fülle von Möglichkeiten: Ferienwohnungen oder gar Ferienhäuser auf dem Winzerhof, eigenes Schwimmbad, Reitpferd, Sektkellerei oder bescheidener: zwei Zimmer mit Dusche und Frühstück (Hund, Tischtennis, Weinprobe). On parle français. Oder englisch. Kinderermäßigung bis zu 50 Prozent. Zum nächsten Speiserestaurant 0,5 Kilometer.

Die Angebote gehen weg wie warme Semmeln. Wer hier im Sommer Urlaub macht, reserviert häufig schon bei der Abreise die gleichen Zimmer für das nächste Jahr. Restlos ausgebucht ist die Deutsche Weinstraße von September bis Mitte November, wenn das Weinjahr mit Weinlese und Weinfesten seinen Höhepunkt erreicht. Dann, sagen die Touristiker dieser Region, könnten wir mühelos das dreifache Bettenangebot brauchen.

Wir quartierten uns ein auf einem Winzerhof in Rhodt unter Rietburg, eben dort an der Südlichen Weinstraße, wo dem Gast nicht nur beim Wein, sondern auch beim Anblick der Landschaft das Herz aufgeht. Die ist nicht spektakulär, deutsches Mittelgebirge, aber von besonderem, südländischheiterem Reiz wie auf den Bildern der Romantiker, Hier wachsen Mandelbäume, hier reifen die Feigen. Berghänge im Gegenlicht, von Taleinschnitten wie zu Kulissen geschichtet, die bewaldeten Bergnasen von Burgen und Ruinen gekrönt. Wo der Kiefernbestand des weitläufigen Pfälzer Waldes endet, folgt ein Kastaniensaum, der bald den Weinbergen nachgibt, die auf halber Höhe beginnen und sich hügelab schwingen bis weit in die Ebene. Mittendrin, in Erddellen geduckt, um den Kirchturm geschart, mit sienabraunen Ziegeldächern, vergilbt im Laufe der Jahrhunderte, Weindörfer, die seit tausend Jahren Weindörfer sind. Rhodt unter Rietburg kann sich rühmen, schon 772 im Lorscher Kodex erwähnt worden zu sein. Auch den ältesten Weinberg Deutschlands haben die Rhodter. Die knorrigen, faustdicken Weinstöcke im „Rosengarten“ sollen dreihundert Jahre alt sein.