ARD, Sonntag, 25. April: „Ernst Lubitsch“, Lektion im Kino. Skizze von Enno Patalas

Ein Ernst-Lubitsch-Porträt von fünfundvierzig Minuten: Da läge es nahe, von Berlin und Hollywood zu berichten, von großer Ausstattung und leichtfüßigen Pointen, vom Historienstück und der Salonkomödie, von Entlarvung der Helden und der Aufwertung des Intimen, Privaten und, bei aller Bescheidenheit, einzig Menschenwürdigen. Von Reinhardt und Preminger, Jannings und der Garbo könnte die Rede sein, von berühmten Filmen, an der Spitze Ninotschka, vom Stil eines Regisseurs, der’s mit dem Ethos hatte und nicht mit dem Pathos – von Ernst Lubitsch also, der lieber flott als tiefsinnig sein wollte und bei Oscar Wilde mehr gelernt hat als in Eisensteins Schule.

Nichts von alledem in Enno Patalas’ Skizze: Das Bekannte wurde beiseite gelassen, Lehrbuchwissen vorausgesetzt. Patalas bot Ungewöhnliches; ohne eine Spur von Koketterie charakterisierte er, leicht, unterhaltsam und witzig, Lubitsch in lubitschscher Weise und entwarf mit Hilfe glänzend formulierter Sentenzen das Porträt eines Mannes, zu dessen Stil es gehörte, an dieStelle des so und nicht anders das doch auf diese Weise und auf eine dritte und vierte genau so gut zu setzen. Lubitsch, der Ausprobierer und Freund der Varianten; Lubitsch, der Unentschiedenheit zum Stilprinzip erhob; Lubitsch, ein auf Andeutungen, Auslassungen, bewußt inszenierte Lücken versessener Künstler: ein Artist, der das phantasievolle Ergänzungsspiel seines Publikums von vornherein mit einbezog; Lubitsch, dem das Segment mehr als die Totalität galt, weil der Ausschnitt ehrlich und das Gesamte verlogen war (nur dem Fragment, dem Aspekt und dem Detail kam für ihn Wahrheit zu, nicht der Summe und dem donnernden Fazit): Oh, ja, das war schon perfekt, wie hier ein Improvisationsmeister und grundgescheiter Inszenator bestimmten immer wiederkehrender und variationsreich durchgespielter Szenen Anschaulichkeit gewann.

Alles in allem die amüsanteste, von Kennerschaft und Witz getragene Dreiviertelstunden-Vorlesung, die ich seit langem gehört habe, gleich überzeugend im Inhalt und in der Darbietungsform. Anfang und Ende aufeinander bezogen; der Schluß bewies resümierend, was der Eingang in kecker Antizipation behauptet hatte: Ernst Lubitsch – ein Mann, der stets die Flucht nach vom ergriff. Dazwischen eine durch knappe Szenen belegte Aufführung zentraler, für den Lubitsch-Stil wichtiger Punkte in einprägsamer Darbietung. Welch eine Wohltat, welch ein Mut, daß man es wagte, den Bildschirm während der Thesen-Erörterung schwarz zu lassen und auf diese Weise eine klare Abfolge von Programmpunkt („phantasievolle Systematik“, „Wechselspiel zwischen Zuschauer- und Helden-Perspektive“, „Technik der Löcher und Lücken“) und Beleg des Programmpunkts zu schaffen. Saubere Strukturierung also statt der üblichen Wort-Bild-Überlappung: Dies hier sagt Patalas, und jetzt wird Lubitsch vorgeführt.

Der schwarze Bildschirm, in dem das Wort eines einzelnen ankündigte, was Millionen von Augen bitte schön sogleich überprüfen möchten – eine Sternstunde des Fernsehens war das. (Ach, wir sind bescheiden geworden.) Momos