Es war einmal eine Zeit, da war Benzin teurer als Bier, da waren die Scheichs die Haßkittel der Welt und die Multis das Zornesziel der Nation. Damals schien es, als müßten wir für das Auto leben. Damals, das war vor gut einem Jahr. Da hatte die Autobranche, sozusagen mit dem Heck an der Wand, eine glänzende Idee. Sie gab die Parole aus: „Mit dem Auto leben.“

Man muß mit ihm leben wie mit schlechtem Wetter, interpretierten die einen, industrielle Beschäftigung und ideologische Besänftigung im Sinne habend. Mit ihm, dem Auto, kann man das Leben ja erst richtig genießen, legten die anderen das Werbewort aus. An beidem ist etwas dran, und das haben wir binnen weniger Monate gelernt. Das Auto ist uns heute nicht mehr per se ein gutes Ding, wir wissen, es verpestet unsere Umwelt, frißt unsere Landschaft und ist ein gefährliches Instrument für Leib und Leben, wenn es nicht mit besonnener Hand geführt wird. Das Auto ist nicht mehr der Deutschen heilige Kuh – für diesen Götzenglauben wurden sie ja auch kräftig gemolken.

Wir haben ein reales Verhältnis zum Auto gewonnen, wir kennen seine vermeidbaren Schwächen und fordern die Autoindustrie auf, Abhilfe zu schaffen. Himmelstürmende Spritpreise, sinkende Einkommen, Autohalden in der Mittelklasse, japanische Invasion und „grüne Welle“ waren unsere Bundesgenossen: Die Industrie baut jetzt an den Autos, die wir wollen – mit sinkendem Verbrauch und steigendem Komfort, geringerer Umweltbelastung und wachsender Sicherheit, niedrigerer Verschleißanfälligkeit und höherer technologischer Raffinesse (nur die Preisentwicklung entspricht noch nicht unseren Wünschen).

Die Autoindustrie hat sich, zum Vorteil des Kunden, als flexibel erwiesen, er kann sich am Autofahrer wieder erfreuen, egal in welcher Wagenklasse. Ein Hochleistungssportwagen verbraucht heute schließlich weniger als ein blechprotzender Mittelklassler vor drei Jahren. Rund 20 neue Modelle stellt das Autogewerbe in diesem Jahr vor, die meisten wohl mit den Vorzügen der neuen automobilen Generation, mit der es sich wirklich leben läßt – zumindest solange das Benzin wieder bezahlbar ist.

Einige Meldungen geben allerdings Grund zur Skepsis. Opel muß mit roten Zahlen leben, und Ford leidet noch unter der Abstinenz seiner Kunplötzlich keine Granadas mehr wollten. Aber andere Autohersteller konnten nicht mehr wie gewohnt in volle Kassen greifen. Amerikas Autobauer haben erhebliche Sorgen, ihre Mitarbeiter haben nicht ohne Grund für eine Weile auf Lohnerhöhungen verzichtet. Volkswagens amerikanischer „Rabbit“ (Golf) wird zur Zeit vornehmlich für die Halden produziert – und dennoch wächst allmählich Volkswagens zweite amerikanische Fabrik über den Grundmauern empor. General Motors investiert Milliarden in mehreren Kontinenten, um mit neuen Modellen alte Marktanteile zurückzugewinnen.

So weht trotz aller Not eine frühlingshafte Zuversicht durch die Automobilbranche, so daß die Zeichen neuerdings wieder optimistischer für eine Branche stimmen, die die Kraft hätte, unseren Wirtschaftskarren allmählich aus dem Dreck zu fahren.

Den wirtschaftlichen Aspekt des Autobaus hat DIE ZEIT immer ausführlich gewürdigt, feuilletonistisch nahm und nimmt sie sich dessen in der Reihe „Auto und Autor“ an. Künftig sollen aber auch die anderen Facetten des Themas Auto mehr Raum in der ZEIT finden: Hier erscheint alle zwei Wochen eine Sonderseite – viel ZEIT für Automobile. Klaus Viedebantt