Wie alle Atomwaffen- und Reaktorentwickhingen geht auch die argentinische Affäre auf Otto Hahns unerwartete Spaltung von Uran-Atomkernen Ende 1938 zurück. Führenden Physikern war damals schnell klargeworden, daß damit die Nutzung der urgewaltigen Kernkräfte in den Bereich der technischen Möglichkeiten rückte.

Am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem bildete sich der „Uranverein“. Sein Leiter war zunächst der Physiker Diebner vom Heereswaffenamt. Als der Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg die hochkarätige Forschergruppe übernahm (darunter Carl-Friedrich von Weizsäcker), setzt Diebner seine Experimente mit Reaktormodellen auf dem militärischen Schießplatz Kummersdorf fort. Nach Kriegsende wurde Diebner von den Siegermächten kaum behelligt; er starb ein paar Jahre später.

„Gegen Ende des Jahres 1941 waren für unseren ‚Uranverein‘ die physikalischen Grundlagen der technischen Ausnützung der Atomenergie weitgehend geklärt“, erinnerte sich Heisenberg in seinem Buch Der Teil und das Ganze. Die Forschergruppe konzentrierte ihre Arbeit auf einen ersten Versuchsreaktor, der mit Natururan betrieben und mit „schwerem Wasser“ moderiert wurde. Heisenberg: „Wir wußten um diese Zeit, daß man grundsätzlich Atombomben machen kann; und kannten ein realisierbares Verfahren; wir haben aber den dazu nötigen technischen Aufwand eher für noch größer gehalten, als er dann tatsächlich war.“

Gegen Kriegsende siedelten die Physiker von bombenbedrohten Dahlem ins südwürttembergische Hechingen um. Unweit davon hatte die Gruppe ihren primitiven Atomreaktor – eher eine „kritische Anordnung“ – in einem Felsenkeller unter der Schloßkirche des Städtchens Haigerloch aufgebaut. Er war der Urgroßvater des argentinischen Atucha-I-Kraftwerks. Ebenfalls im Württembergischen, in Tailfingen, unweit von Hechingen, verbrachten die Radiochemiker Otto Hahn die letzte Kriegsphase. Die Mannschaft des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie analysierte hier die Spaltprodukte der Uranzertrümmerung. Sie hat ihre für Bombenwie Reaktorbauer entscheidend wichtigen Ergebisse „immer veröffentlicht“, wie Hahn-Mitarbeiter Walter Seelmann-Eggebert betont, der von 1949 bis 1955 in Argentinien lebte,

Heisenbergs „Uranverein“ geriet bei Kriegsende in britische Gefangenschaft. Nach der Entlassung ging die Gruppe nach Göttingen und bildete dort den Grundstock des neugegründeten Max-Planck-Instituts für Physik. Mit der wachsenden Unabhängigkeit der Bundesrepublik wurden Kernphysik und schließlich auch Reaktorbau wieder möglich. Heisenbergs älter Mitarbeiter Karl Wirtz, der Reaktorexperte des „Uranvereins“, machte sich auf Talentsuche für den Neubeginn. In Argentinien lud er Walter Seelmann-Eggebert ein, in Mainz eine radiochemische Gruppe zu gründen.

Als Peron 1955 gestürzt wurde, hatte die große Heimwanderung der Argentiniendeutschen schon begonnen. Seelmann-Eggebert ging erst nach Mainz und dann zwei Jahre später nach Karlsruhe. Dort war am 19. Juli 1956 das heutige Kernforschungszentrum gegründet worden, Kernstück des rasch wachsenden Forschungskomplexes war der von Karl Wirtz konzipierte Forschungsreaktor FR-1. Der Schritt zur zivilen Atommacht Bundesrepublik war vollzogen.

G. H.