Der Jargon der Uneigentlichkeit, der expansiven Trivialität, mimt unentwegt die Heiterkeit des Mitmenschlichen, aber auch die profunde Ernsthaftigkeit echten Anliegens; epidemieartig breitet er sich im politischen Bereich aus und verbindet sich dort mit dem nach wie vor grassierenden Jargon der Eigentlichkeit. Ein Meister im Genre der nichtssagenden Redseligkeit ist zum Beispiel der Parteivorsitzende der CDU, Helmut Kohl. Sein Wanderpredigerton, von uneigentlicher Eigentlichkeit und eigentlicher Uneigentlichkeit, ist stets, ob Dur oder Moll, abendländisch gestimmt; wer von ihm, etwa im „Dialog mit der Jugend“ abgeduscht wird, kann sich nur noch schütteln.

Hermann Glaser: „Sprache und Kulturheuchelei“, Frankfurter Rundschau, 24. April 1982

Ein bißchen

Der inständige Wunsch, die Deutschen mögen verlieren, hat diesmal nichts gefrommt: Nach 26 Versuchen haben sie zum erstenmal den Grand Prix Eurovision gewonnen, die grandioseste Werbung, die sich die Schlagerschallplattenbranche bei den europäischen Fernsehanstalten eingerichtet hat. Natürlich waren die Deutschen nicht „die Deutschen“, wie es die fünfzehn Millionen West-Deutschen empfunden haben mochten, die am Sonnabend am Fernsehgerät gehangen und sich den Wiener Kongreß mit Romy Schneider – die Alternative im Zweiten Programm – verscherzt haben, aber wer wollte schon, dagegen fechten. Es waren, jedenfalls, drei Deutsche: die siebzehnjährige Kraftfahrzeug-Sachverständigen-Tochter Nicole Hohloch aus einem Dorf an der Saar eine Gesangsdilettantin rührender Einfalt, der Komponist Ralph Siegel, der der Melodie die rechte Belanglosigkeit verliehen hat, sowie der Doktor Bernd Meinunger, der den Text mit der Bescheidenheit eines scheuen Vaters formuliert hat, der seiner Gattin aus Angst vor den Folgen lieber nur ein bißchen Schwangerschaft wünscht, „Ein bißchen Frieden“ heißt das Siegerlied; es wünscht auch ein bißchen Liebe, Sonne, Freude, Warum hat es gewonnen? Vielleicht, weil ein bißchen Frieden auch ein bißchen Krieg erlaubt? Güte es womöglich gar nicht um Frieden? Als Fräulein Hohloch das Lied wiederholte, sang sie den Refrain gleich in vier, fünf Sprachen. Es wird ein europäisches Super-Geschäft. Senator Norbert Blüm hängte sich mit Berlin gleich dran: Er will das nächste Festival an der Spree haben.

Dichter gegen Richter

„Ich denke, wenn ich denken darf, daß ein Gericht nicht der richtige Ort für ein Gespräch, über Dichtung ist. Und schon gar nicht über den Wert von Dichtung.“ Der dies sagte, war der serbische Dichter Gojko Djogo, und als er es sagte, stand er vor Gericht, angeklagt wegen staatsfeindlicher Propaganda“. Djogo, 41 Jahre alt, publizierte mehrere Lyrikbände. Seine Gedichte „Schierling“ (1978) wurden in Jugoslawien zum Buch des Jahres gewählt. Mit seinem jüngsten Buch „Wollene Zeiten“ (1981) jedoch erregte er nicht nur das Interesse seiner Leser, sondern auch das der Staatsanwälte. Der Band wurde verboten, Djogo verhaftet und vierzig Tage festgehalten. Das Urteil der ersten Instanz lautete: zwei Jahre Gefängnis. Ein Berufungsgericht verurteilte ihn vor kurzem endgültig: zu einem Jahr. Vor Gericht hielt Djogo eine zweistündige Verteidigungsrede und gab darin den Richtern einen leicht verständlichen und doch profunden Einführungskurs in das Wesen moderner Dichtung: „Nur eine Gesellschaft, der die Freiheit nicht immanent ist, verteidigt sich, mit Paragraphen gegen die Dichtung. (...) Alles das ähnelt einer großen rituellen Zeremonie, an deren Ende den unzufriedenen Gottheiten ein großes Opfer gebracht werden soll. Aber ich fürchte, daß das Opfer umsonst ist. Denn ein Dichter ist ein mageres Opfertier.“ Mager schon, mögen die Zuschauer gedacht haben, aber viele magere geben auch ein Opfer.

Philosophen-Poesie

Die Süddeutsche Zeitung hatte Glück im Unglück: Die letzte Wochenendausgabe wurde – „wegen eines längeren Ausfalls der elektronischen Satzherstellung“ – in weiten Teilen der Bundesrepublik (und im Ausland) nicht ausgeliefert. Das ersparte vielen tausend Lesern das Medium wie die message, die qualvolle Lektüre einer rezensorischen Hochstapelei. Klaus Podak fuhr auf der Aufschlagseite der Feuilleton-Beilage Begriffsslalom, schmückte seine Rezension des Habermas-Buches „Theorie des kommunikativen Handelns“ mit so gelungenen Wortfindungen wie „unabhängige Wahrheitssonne“, „ständige Dauerdiskussion“, „manichäischer Dualismus oder „geradlinige Begründungsstufe“. Wer auf selbiger thront, für den gibt es nur Herabblicken; so besteht ein Viertel des Aufsatzes aus der Schelte anderer Kritiker. Und dann kommt unser Muhammad Ali der Philosophie in den Ring und erklärt uns Winzlingen die Welt und das Buch: „Aber an der Diskussion kann jeder teilnehmen, der Bildungsprozesse nicht scheut.“ Frisch gewagt und nicht gescheut – unser Zuchtmeister summiert in seinem makellosen Deutsch die Substanz des Buches; das liest sich so – und wer es nicht versteht, der winde sich im Staub nicht teilgehabter Bildungsprozesse: „Jürgen Habermas’ ‚Theorie des kommunikativen Handelns‘ ist eine solche offene, provisorische Theoriediskussion, die die Chancen und die Gefährdungen, die Implikationen und die Voraussetzungen unverkürzter Kommunikationen als gesellschaftlichen Grunddynamik selber zu ihren Gegenständen macht.“ Nun wissen wir, wovon Habermas’ Buch handelt. Doch wovon handelt die Kritik des Buches, bitte? Die Antwort weiß nicht der Wind, sondern Klaus Podak, der allerdings nicht die Kollegen der Süddeutschen Zeitung mit seiner Frage meinte: „Gibt es da eigentlich noch Redakteure?“