Arbeiterkinder sind immer noch benachteiligt

Von Björn Engholm

Daß eine Arbeitertochter ins Büro geht und erst die Enkelin zum Studium kommt“, diese Vertröstungsweisheit steht allen Ernstes im Artikel des Gymnasiallehrers Werner Klose „Unseriöses Spiel mit Zahlen“ in der ZEIT vom 9. 4. 1982. Dieses kann, ebenso wie manche andere Schiefheiten des Artikels, nicht unwidersprochen bleiben.

Es ist eine beliebte Methode, zunächst einmal die Verläßlichkeit der verwendeten Statistiken und Forschungsergebnisse anzuzweifeln, wenn einem fachliche und politische Schlußfolgerungen nicht passen. So auch Werner Klose. Seine „Alltagsbeobachtungen“ zum Beispiel über die Fertilität der höheren Mittelschicht und der Oberschicht hält er offenbar für beweiskräftiger als die Auswertung von Statistiken und repräsentativen Daten aus dem Statistischen Bundesamt und vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, die die Grundlage für die Broschüre Arbeiterkinder im Bildungssystem“ des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft abgeben. Man muß verlangen, daß der Kritiker dieser Broschüre sich mit den Ergebnissen der dort vorgelegten Auswertung dieser Materialien und weiterer Forschungsarbeiten seriöser Wissenschaftler auseinandersetzt, statt mit Behauptungen zu kommen, die sich lediglich auf die empirische Grundlage „ich kenne da einen“ stützen, und – zynisch – zu folgern, am heimatlichen Gymnasium hätten sich „fast alle Arbeiterkinder statistisch verkrümelt“.

Als ich mich entschloß, dieses Thema, das jedem sozialdemokratischen Bildungspolitiker am Herzen liegen muß, wieder ins öffentliche Bewußtsein zu bringen, habe ich mit heftigen Angriffen aus dem konservativen Lager gerechnet. Aber muß es eigentlich die ZEIT sein, die ihren Lesern zumutet, ein so ernstes und auch der historisch gesellschaftlichen Entwicklung nach so bedeutsames Thema, wie es die Bildungschancen der Arbeiterkinder sind, auf diese oberflächliche und letztlich zynische Weise abhandeln zu lassen?

Es befremdet, wenn aus der Aussage der Broschüre, der „Anteil“ der Arbeiterkinder in den Gymnasien stagniere seit Jahren, die Nachricht wird, was da stagniere sei die „absolute“ Zahl. Es ist der Anteil von Kindern aus Arbeiterfamilien, die das Gymnasium besuchen, der sich von 1976 bis 1979 lediglich von 9,2 nach 9,5 Prozent bewegte. Das ist Stagnation, Unterrepräsentation und sozialpolitisch bedrückend. Daran gibt es nichts zu deuteln.

Bedrückend ist für mich überdies, auf diese Weise bestätigt zu bekommen, was in der Studie unter anderem auch beschrieben ist; Wie wenig manche Gymnasiallehrer vom Alltag in Arbeiterfamilien wissen. Auch mit Welcher Arroganz von der „emotional und sozial freundlichen, aber nicht unbedingt intellektuell geprägten Welt der Arbeiterfamilie“ gesprochen wird. Es gibt erstens Werte der „sozialen Freundlichkeit“, an denen der Bildungsstil des Gymnasiums sich ganz sicher zu seinem Vorteil orientieren darf. Und es gibt zweitens die Aufgabe, Wege zu den intellektuellen Bereichen, die außerhalb der häuslichen Erfahrung von Arbeiterkindern liegen, zu öffnen und pädagogisch zu erschließen. Welch ein schiefes Bild vom Gymnasium zeichnet Werner Klose, wenn er diese Aufgabe nicht mehr erkennt!