Noch bevor ich Heimito von Doderer zu lesen begann, verabscheute ich ihn schon instinktiv. Dieser Abscheu ging so weit, daß ich einem Peter Handke dann die bloße Doderer-Lektüre, die er in seinem „Journal“ festhält, verübelte. Und nun begegnet mir dieses Buch, das meinem Abscheu die Belege nachliefert in Hülle und Fülle, ein Buch, das auf Doderer schon im Titel zielt, denn das „Reptil“ ist niemand anderes als er: ein eitler, elitärer, dekadenter alter Mann, der sich als Volksfeind und Feind der antifaschistischen Emigranten gefällt, der die hehre Abendland- und Artisten-Attitüde pflegt und der dann doch nur gemein und grotesk wirkt mit seinem Gebiß auf dem Nachttisch, dem roten Samt-Peitschchen und den Fesseln, die er seiner Geliebten anlegt, bevor er ihr seine totale Liebesunfähigkeit als Wollust der Antike zelebriert.

Freilich: Diese Geliebte, die „Jungfrau“ des Titels, ist die Autorin Dorothea Zeemann selber – und was ihr Buch zur schockierenden Herausforderung macht, sind nicht die fatalen Fakten, die Doderer decouvrieren, sondern das ist die Tatsache, daß Dorothea Zeemann gesteht, wie liebend gerne sie diese gedemütigte Geliebte war, obwohl gleichzeitig doch ihr Verstand und ihr weiblicher Emanzipationswillen andauernd dagegen rebellierten. Peinlich ist ihr Geständnis sicher, insofern es die Pein preist, die diese perverse Beziehung ihr permanent bereitete; aber es ist eine Peinlichkeit, für die sich die Autorin nicht schämen will, wie sie es schon im Motto ihres Buches verrät: „Aber nur die Mörder, die Ermordeten und die Widerstandskämpfer, die Träger des vollen Risikos sind Figuren mit Konturen, und sie leben. Wir anderen sind unmöglich. Die Nachforschung, wie diese Unmöglichkeit von den immer weniger werdenden Zeitgenossen gemeistert wird, ist peinlich und verletzt die Scham.“

Dorothea Zeemann stellt sich bewunderungswürdig tapfer dieser „Unmöglichkeit“ ihrer Widersprüche; wo sonst noch in der reichen Bekenntnis-Literatur von Frauen fände sich etwa eine, die sich und uns ihr Verlangen nach Vergewaltigung durch einen sowjetischen Besatzungssoldaten eingesteht und die verordnete Russen-Furcht beklagt, die sie zwang, sich vor dem Ausgehen dicke Kissen unter den Rock zu stopfen, die dann jede Annäherung verhinderten und ihre Frustration verstärken mußten.

Dorothea Zeemann, die von 1970 bis 1972 Generalsekretärin des österreichischen PEN war, aber in dieser Funktion scheitern mußte, weil sie politisch zu engagiert war und weil ihr die alten Herren des Clubs ihre Freundschaft mit den jungen Autoren, der Wiener Gruppe um Gerhard Rühm und Konrad Bayer nichtverziehen, erleben wir in ihrem Buch „als Saboteur von allem, was gilt“, also auch als Saboteur ihrer eigenen Überzeugungen. Staunend sieht sich zum Schluß dieses Buches die alte Frau denn auch noch einem alten gräßlichen Gockel von Mann verfallen, für den nichts als seine frühere Freundschaft mit Doderer spricht. Ein unmögliches Buch einer unmöglichen Frau, ein Buch zum Fürchten und zugleich eines gegen die falsche Furcht vor falscher Scham. Man verschlingt es so, wie seine Verfasserin sich ein Leben lang gerne hätte verschlingen lassen.

Dorothea Zeemann: „Jungfrau und Reptil – Leben zwischen 1945 und 1972“; st 776, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1982; 160 S., 7,– DM. Peter Hamm