Beachtlich

„American Werewolf“ von John Landis. New Yorker Collegeboy-Scherze und Wolfsgeheul im britischen Hochmoor; ein „Untoter“ (im Zustand fortschreitender Verwesung), der seinen vom Werwolf gebissenen Freund immer wieder anfleht, Selbstmord zu begehen (der Vollmond naht!); lebende Leichen, die sich in einem Pornokino am Piccadilly Circus versammeln; Hits wie „Blue Moon“, „Bad Moon Rising“ und „Moondance“ im Soundtrack; Trickeffekte, die selbst Kenner monströser Metamorphosen verblüffen dürften (von Rick Baker, der dafür einen Oscar erhielt). Den Kinomythos des Werwolfs wiederzubeleben, war ein seit elf Jahren gehegter Traum des 31jährigen Regisseurs John Landis. „An American Werewolf in London“ (so der Originaltitel) ist allerdings kein weiteres Beispiel der überdreht-vulgären „campus“-Komik seiner Kultfilme wie „Kentucky Fried Movie“, „National Lampoon’s Animal House“ und „Blues Brothers“. Denn Landis erzählt seine Story mit großem Respekt für die verrückte Logik vertrauter Legenden – doch mit soviel Sinn fürs Absurde, daß dieser Werwolf-Film Monde entfernt ist vom Hollywood-viktorianischen Mystizismus der alten Lon Chaney jr.-Filme wie auch von satirisch entmystifizierender Persiflage (Joe Dantes „The Howling – Das Tier“). Landis sagt: „Es ist ein totaler Monsterfilm ... unglaublich brutal und sehr traurig ... sehr lustig, aber noch lange keine Komödie.“ Wie Menschen versuchen, in vollkommen bizarren und makabren Situationen cool und lässig zu reagieren: darin liegt der Reiz dieser schockierenden und vergnüglichen Slapstick-Tragödie, die nicht ein Genre parodiert, sondern die englische Szene. Und dabei auch eine witzige Hommage ist an die weniger „angesehenen“ Aspekte des englischen Kinos (von den „Hammer“-Horrorfilmen bis zu den Soho-Soft-Pornos). Gewidmet ist der Film Prinz Charles und Prinzessin Diana.

Helmut W. Banz

„Die zwei Gesichter einer Frau“ von Dino Risi. Der Nebel und der Regen, der Fluß und die Zeit. Enigmatisch Verhüllendes und ewig Fließendes. Es ist Herbst in Norditalien, in Pavia. Und Herbst im Leben des Rechtsanwalts Nino Monti (Marcello Mastroianni). Die hundert Lire, die er einer alternden Frau bei einer zufälligen Busfahrt leiht, werden die geordnete Sicherheit seines bürgerlichen Lebens für immer aus den Fugen geraten lassen; ihn der „Wirklichkeit“ entfremden und das „Phantastische“ real werden lassen. Diese Frau ist Anna Brigatti (Romy Schneider), seine große Jugendliebe; von der seine Freunde sagen, sie sei vor drei Jahren gestorben; und die er wiedersieht: verhärmt, aber auch in strahlender Jugendschönheit. Dino Risi, vorwiegend als Regisseur brillanter Komödien bekannt („Verliebt in scharfe Kurven“, 1962; „Der Duft der Frauen“, 1974), hat kein Psychodrama mit kriminalistischem Einschlag gedreht, wie der deutsche Verleihtitel vermuten ließe. „Fantasma d’Amore“ (Originaltitel) ist ein Film über Gefühle und Erinnerungen, über Alter und Tod. Ein metaphysisches Melodram von der Absolutheit der Liebe, die über Raum und Zeit hinausreicht, das aber auch immer wieder die Melancholie einer mediterranen midlife crisis mit verhaltener Subversivität ironisiert: Peter Ibbetson, verirrt im Labyrinth von „Malpertuis“. Helmut W. Banz

Annehmbar

„Grenzpatrouille“ von Tony Richardson, der vor zwanzig Jahren mit Filmen wie „Bitterer Honig“ und „Blick zurück im Zorn“ Englands Neue Welle schaffen half. Mit einem ungewohnt (und wohltuend) zurückhaltenden Jack Nicholson in der Hauptrolle erzählt Richardson nun in „The Border“ eine Geschichte vom Leben am „Tortilla-Vorhang“ zwischen Mexiko und den USA. Nicholson spielt einen Grenzpolizisten in Santa Fe, der sich einen Blick für das Massenelend im Süden bewahrt und allmählich bemerkt, daß einige seiner Kollegen von der „Border Patrol“ sich am lukrativen Menschenhandel mit illegalen mexikanischen Einwanderern beteiligen. In seinem ruhigen, hervorragend besetzten (Harvey Keitel, Valerie Perrine, Warren Oates) Film konzentriert sich Richardson weniger auf die reichlich wirre und unglaubwürdige Kriminalintrige als auf die einfühlsame Beschreibung der gegensätzlichen Lebensstile auf beiden Seiten der Grenze: hier die Manifestationen der öden, grellen Plastik- und Wegwerfkultur, dort der alltägliche Kampf ums Überleben.

Hans-Christoph Blumenberg