Bonn

In der ersten Szene des zweiten Aktes läuft die schöne Annabella unter einem durchsichtigen Nichts nackt über die Bühne und läßt sich von ihrem Bruder Giovanni leidenschaftlich liebkosen; sie hat ihm gerade ihre Jungfräulichkeit geschenkt. In der nächsten Szene entkleidet sich die ebenfalls sehr schöne Hippolita bis auf den goldfarbenen Slip und versucht in eindeutiger Absicht Soranzos Beinkleid zu öffnen. Halbnackt ist auch die sinnenfrohe Putana, ehe sie auf den Scheiterhaufen geschleppt wird.

Inzest, Nacktheit, Liebeslust – das alles mag noch angehen; aber es wird zuviel des Schockierenden im letzten, schröcklichen fünften Akt – zuviel für Menschen, die seit Jahrzehnten nur braves Provinztheater gewohnt sind. Im fünften Akt also beendet der Bruder das Inzest-Verhältnis mit der schwanger gewordenen Schwester drastisch: Er ermordet sie mit einem symbolträchtigen weißen Nesseltuch. Schauerlich, wie der Rote-Bete-Saft durch den Stoff kriecht. Nicht genug damit: Bald darauf stürmt Giovanni mit seinem rot eingepinselten, nackten Oberkörper auf die Bühne, schwenkt wie Eis am Stiel Annabellas Herz auf seinem Dolch herum und schreit auch noch dazu: „’s ist Annabellas Herz!“

Zum Lachen? Zum Lachen soll die überzogene Darstellung sicherlich auch sein. Aber in Bonn wurde ein sehr ernster, handfester Skandal daraus. Hier wurde im März das Bühnenstück „Schade, daß sie eine Hure war“ dem Premierenpublikum vorgeführt – ein Stück, das der englische Dramatiker John Ford 1633 geschrieben hat. Im Programmheft der Bonner Bühne heißt es: „Er gibt dem dekadenten Zeitgeschmack für Sensationen, Erotik und morbide Schockwirkungen nach ...“

350 Jahre später kann der Zeitgeschmack mit Sensationen, Erotik und morbiden Schockwirkungen noch immer viel anfangen. Die Inszenierung des Franzosen Jérome Savary hatte von allem reichlich. Als sich der Vorhang nach der Premierenaufführung senkte, tobte das Publikum zwischen vehementer Ablehnung und jubelnder Begeisterung. „Noch nie hat ein Premieren-Publikum im Großen Haus des Bonner Theaters so heftig reagiert“ (Bonner Rundschau).

Wolfgang Bender, Geschäftsführer der Bonner Theatergemeinde, verließ die Premiere schockiert. Er dachte daran, daß der Schock die vielen alten Menschen unter den Gemeindemitgliedern noch viel härter treffen könnte, und daß die „Hure“ den minderjährigen Schülern vielleicht gar nicht oder nur mit elterlichem Segen zugemutet werden dürfe. In Sorge schrieb er also einen Brief warnenden Inhalts an die Mitglieder. Und für die nächste Vorstellung wurden prompt dreihundert Karten zurückgegeben – eine ganze Menge für ein Haus, das neunhundert Besucher aufnehmen kann. Nach der skandalträchtigen Premierenkritik fanden die Karten zwar reißenden Absatz im freien Verkauf – dennoch stieß Benders Eingriff auf Kritik. Die oppositionelle SPD-Ratsfraktion wirbelte mit einer „Großen Anfrage“ Staub auf: „Setzt die Theatergemeinde solche Rückgabeaktionen gezielt ein, um Einfluß auf Theaterspielplan oder Inszenierungsstil auszuüben?“

„Schade, daß sie eine Hure war“ wird bis zum 10. Juli insgesamt 21 mal über die Bonner Bühne gehen. Bislang war das Haus jedesmal ausverkauft – kein Wunder nach dem Skandal. Gebuht wird wenig, gekichert um so mehr, gelegentlich verlassen ekelgeschüttelte Herrschaften vor dem Ende des fünften und letzten Aktes den Zuschauerraum. „Theater“, sagt Wolfgang Bender, „soll meiner Ansicht nach fürs Publikum gemacht werden und nicht für Theater heute.“