SS-Waffenbruder als Schulleiter?

Hannoversch Münden und der Fall Kausch

Von Klaus Leggewie

Im Grotefend-Gymnasium, mitten in einem Schulzentrum am Werra-Ufer der Fachwerk- und Urlaubsstadt im südlichsten Zipfel Niedersachsens, gab es nach den Osterferien einen Schulanfang nicht ganz wie immer.

Zwar erschienen Lehrer und Schüler pünktlich und vollständig zum Unterricht, der seither auch ordnungsgemäß abgehalten wird. Aber einige Parolen vor dem Schuleingang, die bald übertüncht wurden, deuten doch auf die Aufregung hin: „Nazis raus“ und „Kein Eintritt für Kausch“ hieß es dort. Karl-Heinz Kausch war bis Oktober 1978 Direktor des Mündener Gymnasiums, bis er von Kultusminister Werner Remmers (CDU) suspendiert wurde.

Seit dem 25. März ist er nun wieder im Amt. Zur Verblüffung von Lehrern und Schülern war ihr neuer Schulleiter der alte, nachdem sogar die seinerzeit ganz auf Kausch eingeschworene Mündenen CDU bereits auf Suche nach anderweitigen Kandidaten gegangen war.

Die Sprühparolen an der Schule, einige Leserbriefe in der „Mündener Allgemeinen“ und Gespräche mit Mündener Bürgern und Betroffenen vermitteln den Eindruck, daß damit keineswegs alle einverstanden sind. Viele bekunden ihre Empörung oder ihre Bedrückung über diese Entwicklung; die rasante Wiedereinsetzung von Kausch bezeichnet nicht nur die in Münden noch knapp mehrheitliche SPD als taktlos; nicht nur sie erwartet jetzt auch ein „klärendes Wort“ von dem Pädagogen. Erinnerungen an 1978/79 werden wach, als der „Fall Kausch“ monatelang die Gespräche in den Familien beherrschte und die Schlagzeilen des Lokalblattes füllte. Pro oder kontra Kausch – das war damals die Mündener Gretchenfrage. Es hat nicht den Anschein, als sollte sich 1982 eine derartige Polarisierung wiederholen. Aus Münden ist weniger von spektakulären Aktionen als von eher passiven Reaktionen zu berichten. Anders als damals bleiben heute selbst notorische Leserbriefschreiber stumm, und ein allgemeines Schulterzucken und Abwiegeln herrscht vor: was soll man schon gegen ein Gerichtsurteil ausrichten? Im übrigen will man keine Neuauflage des giftigen Streits von damals und Kausch soll seine Chance bekommen.

Gegenüber der Presse besteht eine ausgeprägte Scheu: auf Grund angeblich schlechter Erfahrungen damals (welcher?) greifen selbst 16jährige Pennäler zu diplomatischen Floskeln, die gestandenen Berufspolitikern alle Ehre machen würden. Kein Kommentar und vor allem: keine Namen.

So halten sich auch ausgesprochene Gegner von Kausch bedeckt, als sei nicht das offene Engagement für die Waffen-SS, sondern der Antifaschismus das wirklich Anrüchige. Wie kommt eine derartige Vorsicht zustande? Befürchtungen von Eltern und Schülern um die bald zu erwartenden Abiturnoten spielen sicher eine Rolle, auch die Angst vor mißbilligenden Blicken und Kommentaren der Nachbarn oder Vorgesetzten in der Kleinstadt und auch die Sorge, vor allem des Lehrerkollegiums um ein erträgliches Betriebsklima.

Bei vielen Schülern weckt der Name Kausch keinerlei Assoziationen mehr: Heutige Oberstufenschüler erinnern sich kaum noch an ihren Direktor, und diejenigen, die sich damals sehr massiv für oder gegen Kausch eingesetzt haben, sind schon längst nicht mehr an der Schule. Im Gespräch trifft man sowohl auf empörte Reaktionen, die freilich durch elterliche Mahnungen, sich doch bitte jetzt nicht die Zukunft zu verbauen, abgemildert werden, als auch auf ein ausgeprägtes Vertrauen in den Spruch eines Richters und die Entscheidung der Kultusobrigkeit.

Die Meinungen der Eltern, soweit sie von der CDU-beherrschten Elternvertretung repräsentiert werden, sind im Anschluß an das damalige massive Engagement für Kausch keinesfalls gegen die heutige Wiedereinsetzung. Allerdings hört man auch bange Fragen, ob dies wohl der rechte Mann am rechten Platz sei, die aber häufig in Zustimmung zur Beurteilung der Disziplinarkammer münden, die Kausch als Schulleiter „ausgezeichnete und hervorragende Beurteilungen“ bescheinigte.

Die Mündener. Bürger, die nicht so direkt betroffen sind, fürchten weniger die Rückkehr eines rechtslastigen Pädagogen als die „Nestbeschmutzung“. „Doktor Kausch“ ist ein angesehener Bürger mit Bildung und Charme; zu dessen Kreisen gibt es in einer Kleinstadt wie Münden immer wieder Berührungspunkte, und sei es im Kirchenchor oder auf dem Spaziergang.

Nur selten macht sich eine Art republikanisch-antinazistische Aufwallung Luft, wie bei einem älteren Herrn, der sich darüber ärgert, daß Münden trotz seiner ausgeprägten sozialdemokratischgewerkschaftlichen Tradition immer nur als „braunes Kaff“ in die Schlagzeilen gerät: Der „Fall Kausch“, die Verhaftung des Rechtsanwalts Roeder oder die „Wehrsportgruppe“, das sei doch nicht typisch für die Stadt, in der die Nazis schlimm wüten mußten, um den Widerstand totzukriegen.

Am schwersten haben es die Lehrer. Viele waren sehr erschrocken, Kausch wieder als Schulleiter zu haben, denn viele hatten sich damals offen gegen ihn engagiert (genauso viele allerdings auch für ihn). Das ministerielle fait accompli vor Augen, geht es dem ganzen, über 80 Lehrer starken Kollegium nun eher um die Erhaltung eines erquicklichen Betriebsfriedens und um ein Arrangement mit dem Schulleiter, der dies nach Lage der Dinge noch bis zu sieben Jahren bleiben kann, als um eine harte Auseinandersetzung um dessen Person und Ansichten. Beamtenrechtliche Fesseln geben hier im übrigen allen Anlaß zur Zurückhaltung in einem eventuellen Engagement gegen Kausch.

Das von diesem erwartete „klärende Wort“ hat es bisher nicht gegeben. Er kann sich durch die Entscheidungen des Gerichts und des Ministeriums faktisch rehabilitiert fühlen; fast ist schon vergessen, daß er wegen eines Dienstvergehens verurteilt worden ist. Er und sein Anwalt Josef Augstein meiden jede öffentliche Stellungnahme.

Erkennbar sind aber zwei Dinge: Kausch und seine Familie fühlen sich als politisch Verfolgte und Opfer einer linken (Presse-)Kampagne, und es gibt keine Anzeichen irgendeiner Distanzierung von den inkriminierten Veröffentlichungen. Solange muß man also von der Gültigkeit eines von ihm publizierten Textes wie des folgenden ausgehen, in dem ein die Waffen-SS glorifizierender Bildband („Wenn alle Brüder schweigen“, Munin-Verlag 1976) angepriesen wird: „Der Betrachter, auch wenn er der ehemaligen Waffen-SS fremd, ablehnend oder feindlich gegenübersteht, wird sich der Wirkung dieses großangelegten Buches nicht entziehen. Sie beruht auf dem durchgehend spürbaren Ton ritterlicher Gesinnung und Verantwortung, auf jener Form von Kameradschaft, die auch den Toten noch verpflichtet bleibt. So selten sie heute geworden ist, so dringend wäre sie nötig.“ (Erschienen im rechtsradikalen „La Plata Ruf“, Argentinien.)

Kausch geht es nebst anderen Verfechtern eines „neuen Geschichtsbildes“ um die Diskreditierung der Zeitgeschichtsforschung. Sein Kronzeuge ist der englische Historiker David Irving. Daß er diesen geschickten Vertreter der These von der „Kriegsschuldlüge“, der in der gesamten Bundesrepublik auf Einladung von Freys „National- und Soldatenzeitung“ Vorträge vor einem rechtsradikalen Publikum hält, zu seinem Gutachter vor der Disziplinarkammer auswählte, läßt kaum auf einen seit 1978 erfolgten Sinneswandel bei Kausch schließen.

Sorge um die pädagogischen und politischen Auswirkungen der Wiedereinsetzung machen sich unter anderem eine Reihe prominenter Göttinger Hochschullehrer in einem offenen Brief an Remmers. Darin heißt es: „Wie soll eine objektive und informative Auseinandersetzung mit unserer jüngeren Geschichte stattfinden, wenn Dr. Kausch wieder als Schulleiter fungiert und Deutsch und Ethik unterrichtet? Muß man nicht fürchten, daß die Interpretation des Urteils und Ihre Anordnung zur Wiedereinsetzung ins Amt von rechtsradikalen und neonazistischen Kreisen als vollständige Rehabilitierung, gar als Triumph ihres Geschichtsverständnisses aufgefaßt werden kann, was langfristig eine Demokratie ernsthaft bedrohen muß?“

Daß diese Skepsis, ob die Ubersetzungen eines Schulleiters ohne jeden Einfluß auf Klima und pädagogische Arbeit in seiner Schule bleiben können, nicht ganz unbegründet ist, belegt ein Brief, den ein Schüler des Mündener Gymnasiums vor kurzem an Innenminister Baum schrieb. Ist es Zufall, wenn dieser Teilnehmer eines Leistungskurses Geschichte am Grotefend-Gymnasium darin um höchstministerliche Auskunft über die Authentizität der sogenannten „Wannsee-Protokolle“ bittet, die in Schulbüchern als historische Quelle für die Erörterung der „Endlösung der Judenfrage“ zu finden sind, und deren „Scheinobjektivität“ jener Schüler ganz im Sinne der um ein „neues Geschichtsbild“ kämpfenden Rechtsintellektuellen attackiert?

Historiker, die zu den Unterzeichnern des offenen Briefes gehören, sehen in derartigen Anfragen den Beweis dafür, auf welch fruchtbaren Boden die Revisionsbemühungen rechtslastiger Zeithistoriker in Teilen der Jugend heute fallen können. Hinter der Forderung nach „Quellenkritik“ und der Zulassung „anderer Interpretationen“ der Hitlerära sehen sie nichts anderes als ein Einfallstor verschleierter Nazi-Propaganda.

Auch in Kreisen der niedersächsischen SPD-Opposition, von der Kausch-Affäre mitten in der Talfahrt der gerade verlorenen Wahl überrascht, fragt man sich, warum Kultusminister Remmers nicht von seinem Recht Gebrauch gemacht hat, die Wiedereinsetzung von Kausch von einer genauen Kenntnis des Urteils und einer eventuellen Berufung abhängig zu machen, oder dessen ungeachtet aus prinzipiellen Erwägungen ganz von einer Wiedereinsetzung in das alte Amt abzusehen. Immerhin hatte Remmers seinerzeit die Suspendierung gegen den geharnischten Protest seiner Parteifreunde auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene durchgesetzt und sich damit als unzweifelhafter Gegner von Kausch zu erkennen gegeben. Jetzt ist dagegen in Hannover der Eindruck entstanden, er habe sich im Blick auf die angestrebte neue Position als CDU-Fraktionschef, die ja einige „integrative“ Fähigkeiten verlangt, den Fall möglichst rasch vom Hals schaffen wollen.

Die CDU, in Münden wie in der Landeshauptstadt, hüllt sich im übrigen zum Fall Kausch in tiefes Schweigen.