Der italienische Staatskonzern ENI will Abfälle zu Öl verarbeiten

Das Geheimnis, so versichert Ingenieur Andrea Rossi aus Mailand, bestehe ausschließlich in der richtigen Dosierung von Druck und Temperatur. Im übrigen könne eigentlich jede mit Raffineriebauten vertraute Mannschaft so eine Anlage errichten, die aus Abfällen von der Müllkippe Öl herstellt.

Nicht irgendwer, sondern Italiens Staatsholding ENI, die mehr als vierzig Prozent des heimischen Energiemarktes kontrolliert, hat sich den Erwerb dieses Patents einiges kosten lassen. Der Erfinder des Prozesses und die AGIP Nucleare haben unter dem Namen Petroldragon (Öldrache) gemeinsam eine Gesellschaft gegründet, um die Kunst, aus Abfall Erdöl zu machen, weltweit zu verbreiten und wirtschaftlich zu nutzen. Die AGIP Nucleare ist eine ENI-Tochtergesellschaft, die sich laut Statut mit der „Verwertung von erneuerbaren Energiequellen befaßt“. Kernenergie, Sonnenenergie und Erdwärme sind die bisher von ihr bearbeiteten Gebiete.

Öl aus Müll ist auch für sie eine Neuheit. Die unter dem Markenzeichen des sechsbeinigen Höllenhundes stehende ENI legte den Oldrachen rasch an ihre Kette, als offenbar wurde, daß sich auch andere Weltkonzerne für das „Verfahren Rossi“ interessierten.

Der Staatskonzern mußte keineswegs eine Katze im Sack kaufen. Es handelt sich um ein bereits in der Praxis erprobtes Verfahren. In Caponago bei Mailand steht nämlich eine Anlage, die täglich bereits zehn Tonnen Öl von der Schutthalde produziert hat. Und das zu einem Preis von 160 Lire (30 Pfennig) je Kilo. Alte Autoreifen, Plastikabfälle und den umweltverschmutzenden organischen Müll, der sonst kostspielig verbrannt oder unter die Erde geschafft werden muß, wandelt Rossi mit seinem Cracktor in Petroleum um. „Wenn an den größten Müllkippen Italiens vierhundert solcher Anlagen gebaut würden, könnte man jährlich acht Millionen Tonnen Erdöl aus Müll herstellen.“ Das entspricht einem Zehntel des jährlichen italienischen Ölbedarfs. Erfinder Rossi rechnet vor, daß damit drei Milliarden Mark an Devisen im Jahr gespart werden könnten. Wenn die ENI nun in größerem Umfang Dreck in Öl verwandeln sollte, so ist dies zugleich auch eine Wiedergutmachung des italienischen Staates gegenüber dem Bauunternehmer Rossi. Andrea Rossi, der das Verfahren eigentlich mehr im Rahmen seiner – allerdings recht aufwendigen – technischen Freizeitbeschäftigung entwickelt hat, war nämlich vor einigen Jahren vom römischen Finanzminister gezwungen worden, seine Anlage stillzulegen, Öl aus Müll – das war neu für Roms Steuerbeamte. Als Rossi ihnen die ersten Produktionsunterlagen präsentierte, witterten sie sofort eine neue Steuerquelle. Nach ihrer Ansicht war Rossis Öl so hochwertig, daß sie es gleich wie Benzin besteuerten. Statt wie bei Heizöl aus Raffinerien eine Lira (0,2 Pfennig) je Kilo Fertigprodukt zu fordern, verlangte das Finanzamt von Rossi 399 Lire (80 Pfennig) je Kilo. Alle Appelle des Erfinders an den Finanzminister waren vergeblich. In Rom ließ man weder technische noch wirtschaftliche Argumente gelten.

Verärgert über diese Kurzsichtigkeit der Staatsbürokratie kündigte Rossi an, er werde mit seinem Verfahren ins Ausland gehen. Der Prophet, der in seinem Vaterland nichts galt, fiel jedoch in der Fremde unter die Räuber. Amerikanische Vermittler, die Rossi eine großzügige Entwicklung des Verfahrens unter Einsatz von riesigen Kapitalmitteln versprachen, lockten den Mailänder in die USA, gaukelten ihm Beziehungen zum Weißen Haus vor und erschlichen sich mit Hilfe seiner technischen Unterlagen Subventionen. In Wirklichkeit dachten sie gar nicht an die Errichtung von Produktionsanlagen. Sie brachten Rossi und seine Familie zwar in den besten Hotels unter, benutzten ihn aber als eine Art Aushängeschild und Geisel zugleich. Der Mailänder, der kein Englisch spricht, merkte erst allmählich, daß mit ihm und seiner Erfindung gepokert wurde.

In den USA lebende Landsleute und Rechtsanwälte halfen ihm schließlich. Rossi kehrte nach Mailand zurück. Ein Jahr lang hörte man nichts mehr von dem „Verfahren Rossi“. Die Erklärung des Bauunternehmers und Erfinders: „Nach allem schämte ich mich, unter die Leute zu gehen.“ Er konnte es als waschechter Mailänder nur schwer verwinden, daß er wie ein pollo, ein Huhn, hereingelegt worden ist. Immerhin, soviel Englisch hat Rossi während seines Aufenthaltes in Amerika doch gelernt, daß er mit dem Staatsunternehmen ENI fifty-fifty macht. Friedhelm Gröteke