Jeden Abend, pünktlich um 20 Uhr, zelebriert das Deutsche Fernsehen „totale Objektivität“. Wenn Karl-Heinz Köpcke mit dezentem Blick Allwissenheit demonstriert, eine seriöse Hintergrundstimme Weltgeschehen geisterhaft zusammenrückt, wenn Bilder, Graphiken, Kurzberichte die Zeitereignisse zum starren Kaleidoskop zusammenschnurren lassen, dann zieht dieses weihevolle Ritual bundesdeutschen Alltags den demütigen Zuschauer wieder und wieder in seinen Bann.

Rundfunk- und Fernsehzeitschriften, wie die „HÖRZU“, machen sich hinsichtlich der Tagesschau gern zum Anwalt vernachlässigter TV-Seher, meistens aus der Perspektive des Oberlehrers. Da heißt es dann, der Jargon der allabendlichen Sendung sei zu kompliziert für unbedarfte Konsumenten. Ein großzügig angebotener Service besteht dann aber lediglich darin, Fremdwort-Erklärungen nachzuliefern. Derlei Hilfestellungen fördern selbstverständlich nicht die Mündigkeit des Zuschauers. Sie verstärken nur die Minderwertigkeits-Komplexe bestimmter TV-Konsumenten, die dank der Dienstleistungen ihrer Medien-Postillen nun andachtsvoll in die Sphären der politischen Szene blicken dürfen.

Wie man gerade Jugendlichen Aufklärung und Einblick ins tägliche Geschäft mit den Nachrichten verschaffen kann, führt Volker Bräutigam, Redakteur der Tagesschau der ARD, in einem Taschenbändchen vor –

Volker Bräutigam: „Die Tagesschauer“; rororo rotfuchs, Rowohlt Verlag, Reinbek; 142 S., 5,80 DM.

Der Autor beschreibt als Insider Fakten. Er tut es ohne Neigung zur Nabelschau und ohne kathederhafte Strenge. An konkreten Arbeitserfahrungen kann er die Hilflosigkeit von Nachrichten-Redakteuren nachweisen. Die können – eingezwängt in eine vorgegebene Form des Schnellschuß-Journalismus – nicht anders, als ein überfrachtetes, zerfleddertes Fünfzehn-Minuten-Kabinett produzieren. Dem jugendlichen Leser wird verständlich, warum derart gehetzte, von Agenturen überfütterte Redakteure eben nur hektische, flache Bildkaskaden und letztlich ziemlich nichtssagende Sätze über den Sender schicken.

Sprachschludereien und Kauderwelsch sind somit nicht das Wunsch-Produkt bequemer Ignoranten, sondern Ergebnisse gestreuter Journalisten. Gestreßt nicht nur von der Alltagshektik zwischen einzelnen Sendeterminen, sondern zusätzlich vom Dogma der „Ausgewogenheit“ und dem Zwang zur „Materialfülle“.

Bräutigams Momentaufnahmen und Informationen sind anschaulich und exakt. Sie erhellen dem Leser Mechanismen einer aktualitätsverpflichteten, oberflächlichen Nachrichtenzubereitung. Ein interessantes Taschenbuch für Jugendliche, die es ihren Deutsch- und Sozialkundelehrern empfehlen sollten. Hans Heinrich Obuch