Nun hat die Elektronik auch bei der ZEIT getan, was sie überall tut: Einzug gehalten. Dies ist unsere erste Ausgabe, die nicht mehr mit Hilfe von Bleilettern und Bleizeilen, sondern nach den Gesetzen von Computer und Lichtsatzmaschine entstanden ist.

Länger als 500 Jahre haben Gutenbergs Ideen gehalten. Sie haben die Arbeit der Journalisten, noch mehr der Schriftsetzer bestimmt – sie und Mergenthalers Linotype. Jetzt wurden sie ausrangiert. Rund 192 000 Tonnen Blei, schmierig von Druckerschwärze, haben die Metteure in „Schiffen“ durch die Setzerei geschleppt, seit die ZEIT gegründet wurde. Heute sitzen sie und die Schriftsetzer am Bildschirm und bleiben sauber. Doch ihnen wie den Redakteuren ist das sinnliche Vergnügen an der Arbeit genommen, die Freude, anfassen zu können, riechen zu können.

Dies auch aus einem Grund, der in der Natur vieler Journalisten liegt: Sie empfehlen den Fortschritt gern und täglich anderen. Ihn am eigenen Leibe zu erleben, macht ihnen jedoch angst. Angst um das schöne Alte; Angst aber auch vor dem unbekannten Neuen. Progressive Journalisten haben ein höchst konservatives Innenleben.

An diesem Widerspruch ist die Umstellung bei manch anderer Zeitung zunächst gescheitert. Kopfarbeit und perfekte, allein an technischem Bedürfnis und kaufmännischem Kalkül ausgerichtete Organisation passen nun einmal schlecht zusammen. Da hatte es die ZEIT besser: Uns erreichte der ungewollte und doch unausweichliche Fortschritt erst, als er ziemlich ausgereift war.

Die schlimmen Kinderkrankheiten mußten wir nicht mehr auskurieren. Außerdem hat die ZEIT keine eigene Technik. Und es ist immer schön, andere für die Fehler geradestehen zu lassen, die man sonst selbst gemacht hätte.

Wichtiger noch war, daß Zeit genug blieb, vom Alten zu retten, was rettenswert war. Für die Redakteure zum Beispiel ihre individuelle Arbeitsweise: Daß der technische Fortschritt den Journalisten – zumindest in diesem Stadium – keine Erleichterung brächte, war rasch klar. Daß er die Redaktionsarbeit, deren Organisationsprinzip das kreative Chaos ist, zumindest nicht beeinträchtigte, war das Ziel ungezählter Detailgespräche mit der Technik. Bis heute klappt es, nicht zuletzt mit Hilfe der neuen Schlußredaktion, die gegenläufige Interessen von Redaktion und Technik ausgleicht. Und kein Redakteur muß seine Berichte, Kommentare, Glossen und Leitartikel in ein Bildschirmgerät eintippen. Noch herrschen Bleistift, Kugelschreiber und Schreibmaschine.

Für die Leser zum Beispiel die Schriften: Die Bleibuchstaben sind zum letzten Male eingeschmolzen, die Setzkästen endgültig in die Wohnzimmer abgewandert, die Schrift kommt jetzt aus dem Computer. Dafür, wie sie hineinkommt, gibt es Verfahren, die die Eigenart haben, komplizierte, anspruchsvolle Schriftbilder zu glätten. Adrian Frutiger, ein in Paris lebender Schweizer, hat dies verhindert. Er hat die „Tiemann“, die wir in der ZEIT als einzige große Zeitung für die Überschriften nutzen, so neu gezeichnet, daß sie auch im elektronischen Satz die alte bleibt.

Marginalien alles? Gewiß nicht. Wir haben versucht, die äußere und innere Identität der ZEIT zu erhalten – auch gerade unter dem Druck unabweisbarer technischer und kaufmännischer Zwänge. Gleichwohl: Das Leben dieser Zeitung hat sich geändert, weil sich die Form ihrer Entstehung geändert hat. Daran können wir uns nicht vorbeimogeln. Verharmlosend nennen wir die technische Revolution, die unsere Arbeit umgekrempelt hat, „Neue Technik“. Das ist die Begriffsbildung des Euphemisten, der, aus Furcht vor dem Teufel, ihn den „Gottseibeiuns“ nennt. Rainer Frenkel