Von Benedikt Erenz

Genau hier. Immer genau hier.“ – Es ist Abend. Zwischen den Gräbern, in einem abgelegenen Winkel des Hamburger Hauptfriedhofs, wartet eine kleine Gruppe unauffällig gekleideter Gestalten. Man spricht leise und lauscht. Einer blättert in einem dicken Buch, dessen Papier fahl glänzt. Einige lesen, ein wenig verstohlen, die Inschriften der umliegenden Grabmale. Efeu, kümmerlich ein paar Primeln, Buchs und darüber, hoch in den dämmrigen Himmel getupft, das erste Grün der Birken zwischen schwarzen Fichtentürmen. Plötzlich ein leiser Ton, ein schwacher Rhythmus, der langsam stärker wird. „Na bitte. Da isser wieder!“ Ein Mann im Parka hebt seinen monströsen Feldstecher vor die Augen: „Jawoll.“ Dann greift er in die breite Ledertasche, die ihm wie ein Bauchladen umhängt, und zieht nach einigem Kramen ein buntes Bild hervor. Kurzes Betrachten und allgemeines Nicken: „Der Zilp-Zalp, der Bursche!“ Noch einmal Lauschen, alles ganz still. Dann deutlich: zilpzalp... zilp-zalp... zilp-zalp – und gleich von zwei Seiten. Das war der erste heute abend, und weiter geht’s, der Parka-Mann, vom „Deutschen Bund für Vogelschutz“, immer ein paar Schritte voraus, als Vorlauscher sozusagen.

Denn die Vogelsangsaison hat begonnen, und statt Staatsoper.streift man abends allerorten still durchs Laub und stellt die Ohren hoch: junge Leute, von Nachtigall und Lerche angetörnt, Alte, die sich einst beim Lied der Haubenmeise Liebe für ein ganzes Leben schwuren, und Mütter, Väter, denen es mit List gelang, die Kleinen mal der Glotze zu entreißen. Natürlich, zirkusreife Sensationen sind kaum zu erwarten. Steinadler, Kolibri und Dodo finden nicht statt. Doch ach, wer von uns kennt sie denn noch, die neckischen kleinen Tenöre in Holunder und Johannisbeerstrauch, die sympathischen Vöglein unserer Heimat, die in den alten Sagen sangen, in den Märchen der Kinderzeit? Wer weiß noch ihre Namen – Fitis und Braunelle, Zaunkönig, Grasmücke, Kleiber und der Grünfink, der einst vielleicht Jorinde war?

Mit Sperberaugen haben hier die Vogelschützer echte Wissensbedürfnisse beim Naturkonsumenten ausgespäht, und Mitglieder ihres Bundes bieten sich – wie in Hamburg, so auch in anderen Städten – an mehreren Abenden in der Woche als Cicerone durch die heimliche heimische Vogelwelt an. Im Zeitalter der Musikberieselungsfolter wächst das Verlangen nach dem reinen Ton der Natur. Und gibt es zwar Amsel, Drossel, Fink und Star schon auf LP, will man sie doch mal live erleben. „Irgendwie authentisch“, wie mir ein Mädchen während der Führung versichert.

Der Mann in Grün weiß zu kommentieren. Wo das ungeübte Ohr nur diffuses Getön vernimmt, erlauscht er die Köstlichkeit der Partituren. „Ein wenig rauf, dann runter und dieses typische chwäää – chwää zum Schluß“, interpretiert er den avantgardistischen Grünfink, und schlichtweg kennerhaft die eher konservativ-elliptisch gewobene Grundtextur der Buchfink-Melodie: „Also ganz gekonnt!“ – der Klangpapst eines bekannten Phonoblatts hätte es nicht präziser bemerkt. Nur bei den Staren heißt es aufgepaßt: „Das sind Schlawiner, die imitieren alles mögliche.“ Unverwechselbar hingegen die Heckenbraunelle („wie ein quietschendes Kinderwagenrad“) und das Rotkehlchen („leider etwas schwach auf der Brust“). Überhaupt war heute nichts wirklich Tolles dabei, wie letztesmal, als ein Bergfink gesichtet wurde („Zugvogel und ganz lieber Kerl“). Es treiben sich zur Zeit auch zu viele tumbe Tauben und Amseldilettanten herum, daß man die echten Könner kaum vernehmen kann.

Langsam ist es dunkel geworden, und die Gruppe beginnt sich aufzulösen. Während ich zwischen den Gräberreihen dem Ausgang zuschlendere, kommen, wie das auf Friedhöfen allemal geschieht, mancherlei subtile Gedanken. Ich bleibe stehen. Frau Ilse Bohnkämper starb am 3. März 1969. Auf dem schwarzen Marmor sitzt eine Dohle. Tschak-tschak. Da, ich muß es gestehen, streifte Metaphysisches mich.