Der Mercedes bremste scharf und unerwartet. Nur mit Mühe konnte ich meinen Golf an ihm vorbedenken und auf dem Standstreifen zum Halt bringen – etwa einen Meter neben dem Heck der schweren Limousine. Dabei hatte ich den Sicherheitsabstand eingehalten, ich glaubte zumindest, ich hätte. Aber der ungewöhnlich kurze Bremsweg des Mercedes war nicht einkalkuliert. So lernte ich ABS kennen.

„Anti-Blockier-System“ ist der volle Name für verschiedene, neuartige Verfahren, die den Bremsweg von Autos um fünf bis zehn Prozent verkürzen können und trotz scharfer Bremsung – auch bei Nässe – ein seitliches Ausbrechen des Fahrzeugs verhindern. Was routinierte Fahrer bislang mit der „Stotterbremse“ (sekundenkurzes Lupfen des Fußes während der Vollbremsung) erreichen wollten, nämlich Spurtreue aller vier Räder beim Bremsvorgang, übernimmt bei ABS die Elektronik. Sie verhindert, wie der Name sagt, ein Blockieren der Räder. Im Rad oder auf der Achse sitzen kleine Sensoren, die die Drehgeschwindigkeiten ohne Unterlaß in einen Computer eingeben. Die Elektronik paßt aufgrund dieser Werte den Bremsdruck sekundenschnell den Fahrgegebenheiten an. Sie mindert ihn für Sekundenbruchteile, wenn die Räder zu blockieren drohen. Der Fahrer bemerkt dies an einem kaum wahrnehmbaren Hämmern im Bremssystem, wenn die Grenzwerte erreicht werden. Er muß sich umstellen mit diesem System: Wo er früher mit höchster Sensibilität bremsen mußte, muß er nun wie mit dem Bleifuß draufhalten, um die optimale Wirkung von ABS zu entfalten. Er kann dennoch mühelos weiterlenken, auch wenn beispielsweise eine Wagenhälfte auf den Randstreifen gerät, bleiben die Autos auf dem unterschiedlichen Untergrund spurtreu.

Keine Frage, dieses System ist ein zusätzliches Stück passiver Sicherheit im Auto, aber auch ein relativ teurer Schutz von Leib und Seele. Mercedes bietet ihn für alle Modelle zum Preis von 2559 Mark an, BMW hat ihn für 2500 Mark in allen Modellen außer den kleineren der Dreier-Reihe (die neuen Dreier-Modelle, die mehr Elektronik unter der Haube haben, ermöglichen auch dort einen ABS-Einbau). Wer einen Audi 200 chauffiert, muß allerdings 3343 Mark für dieses Sicherheitsplus hinblättern. Andere deutsche Autohersteller bieten die Bremshilfe bislang noch nicht an, da es aber mit zunehmender Großserienfabrikation sicherlich auch billiger wird, werden in absehbarer Zeit wohl auch Mittelklassewagen mit dem Blockierschutz ausgerüstet werden.

Die Erfahrung mit dem Mercedes auf der Autobahn erweckte den Wunsch, selber einmal die Vorzüge dieses Bremsreglers zu „erfahren“. Die preiswerteste Methode ist – abgesehen von der meist zu kurzen Probefahrt im Händlerwagen – die Anmietung eines Leihwagens mit ABS. In Deutschland bietet alleine Interrent, der hierzulande größte Autovermieter, entsprechend ausgerüstete Fahrzeuge an: den Mercedes 280 SE und den Audi 200 turbo. Ich habe letzteren erprobt, ein schnelles komfortables Reiseauto, das allerdings jedes Tankwarts Augen leuchten läßt. Mir ging es nicht um den Verbrauch an diesen drei Tagen, mein Augenmerk galt dem Bremssystem.

Meine eigenen Erfahrungen ließen mich bei den ersten, ziemlich harmlosen Bremsungen ebenso sehr in den Rückspiegel schauen wie nach vorne. Nur einmal kam hinter mir ein fahrendes Auto meiner Kofferraumklappe so nahe, daß selbst ein kurzsichtiger Fahrer das Hinweisschild „Achtung Bremsverstärker“ an meiner Rückscheibe hätte lesen können. Auf freier Strecke simulierte ich eine Notbremsung: Der Mietwagen, durchaus nicht mehr ganz taufrisch, blieb eisern in seiner Spur. Zwei Stunden später, auf regennasser Bahn in den Bergen bei Wuppertal, zwang mich ein plötzlich ausscherender Kleinwagen mit ausländischem Kennzeichen zu Stemmversuchen auf das Bremspedal. Mein Audi hielt sauber und ohne Zuckungen etwa zwei Handbreit vor dem Floh aus dem Nachbarland. Seither halte ich zu ABS.

Bei Interrent ist man von dem Stück zusätzlicher Sicherheit auch überzeugt, es erwies sich überdies als vorzügliches Werbeargument, da kein anderer Autovermieter damit aufwarten kann. Natürlich wurde das ABS-Programm nicht nur für Leute geschaffen, die es nur einmal zum ermäßigten Wochenendtarif ausprobieren wollen. Die 280-Modelle mit dem guten Stern, die Audis mit der Turboladung und die BMWs 733 sind in erster Linie für Geschäftsleute gedacht, was bei den Mietpreisen auch zu erwarten war. Diese Kunden, so die Interrent-Erfahrung, haben die Neuerung nicht nur gerne angenommen, sie verlangen mittlerweile sogar ausdrücklich ABS-ausgerüstete Wagen.

Die Gefahr, daß diese bremsgewaltigen Wagen nun durch mehr Auffahrunfälle zu einem höheren Risiko für den Vermieter würden, hat sich nicht bestätigt. „Wir hatten noch keinen dadurch bedingten Unfall“, erklärte nach mehr als zwei Jahren Erprobung Interrent-Verkausleiter Horst Hildebrandt, „im Gegenteil. Die Unfallquote für die großen Wagen ist gesunken. Wer die Reparaturkosten für einen Mercedes 280 SE kennt, weiß, was wir sparen.“ Interrent ist so zufrieden mit dieser Neuerung, daß die Firma überlegt, ob sie nicht auch Nutzfahrzeuge künftig mit ABS-Ausstattung anbieten soll.