ARD, Sonntag, 9. Mai: Aufstand der Hexen“, Aspekte der Frauenbewegung in der Bundesrepublik (grauen der Welt“, 10. Folge)

Ein Film über die bundesrepublikanische Frauenbewegung: von Enthusiasmus, aber auch von Kenntnisreichtum bestimmt; optimistisch im Glauben an eine bevorstehende Revolution, an der gemessen alle bisherigen Gesellschafts-Veränderungen, da sie an der Abhängigkeit-der Frau vom Mann nichts ändern, sich als vorläufig erweisen würden.

Parteilichkeit, verbunden mit ruhigem Argumentieren: Die Karten wurden auf den Tisch gelegt, der Zuschauer, einbezogen in die Überlegungen der Autoren, konnte beurteilen, welche Szene zur Verdeutlichung welches Problems eingesetzt wurde. Hier gab’s kein Aneinanderreihen von Zufalls-Sequenzen, sondern ein durchdachtes Erörtern von Kernfragen: Wie ist die Rolle der Frau in der Geschichte gewesen? Welche Abhängigkeitsformen dominieren in unserer Zeit? Worin unterscheiden sich die einzelnen Gruppen der Frauenbewegung?

Da wurden keine Frauen nach einem nur den Autoren verständlichen Auftrittsplan herbeizitiert, da wurde vielmehr expressis verbis verdeutlicht: Um das Problem der Doppelbelastung von Frauen zu analysieren, haben wir eine Bäuerin ausgewählt, weil sich an ihrem Beispiel am besten aufzeigen läßt, was es heißt, teils jämmerliche, teils überhaupt nicht bezahlte Tätigkeit in Hof, Kinderzimmer und Küche zu leisten.

Gute Arbeit, alles in allem – auch wenn hier und da überzeichnet wurde, in der Frage der Hexenprozesse zum Beispiel: Da hätte ich, um der Nuancierung willen, gern gehört, daß sich unter den im Feuer Verendeten auch eine große Zahl von Knaben und Männern befand – bei einigen Bränden nahezu die Hälfte der Gefolterten. Männer als Opfer; Männer, die in ihrer durch Herrschaft verursachten Entfremdung auf ihre Weise emanzipationsbedürftig sind: Davon war in diesem Film keine Rede.

„Wer die Frau befreit, lehnt es ab, sie auf die Beziehungen, die sie zum Mann unterhält, zu beschränken, leugnet sie aber nicht. Mag sie sich auf sich selbst stellen, sie hört damit nicht auf, auch für ihn zu existieren. Bei ihrer gegenseitigen Anerkennung als Subjekt bleibt jedes dennoch Partner für ein Anderes ... Wenn die Versklavung der einen Hälfte der Menschheit und das ganze verlogene System, das damit zusammenhängt, abgeschafft ist, dann wird die Unterteilung der Menschheit ihren eigentlichen Sinn verdeutlichen, und das Menschenpaar wird seine wahre Gestalt finden“: Der Aspekt einer Partnerschaft, die zu neuen, bisher allenfalls ansatzweise realisierten Beziehungen zwischen Männern und Frauen führen könnte – diese von Simone de Beauvoir in Le deuxième sex am Ende entworfene Vision trat bei der Apologie für die Frauenbewegung zu wenig ins Blickfeld. Wenn von Männern geredet wurde, dann wie von Objekten, deren künftige Rolle ohne Belang zu sein schien: Der kleine Junge in der Lesben-Gemeinschaft, den man ein paar Augenblicke lang im Bild sah – ich hätte gern erfahren, welche Vorstellung von Partnerschaft ihm die auf Männerlosigkeit Eingeschworenen mit auf den Weg geben.

Vorurteile, entstanden aus Solidarität mit jenem Geschlecht, das immer noch das eine und nicht das andere ist? Vielleicht. Doch erscheint es immerhin nachdenkenswert, daß gerade jene, die mit dem Blick auf den Sündenfall die Frau zur Wurzel, allen Übels erklärten, Zölibatäre gewesen sind – und dies bis in unsere Tage hinein. Reziproke Verachtung von Männern unter den einem Feministinnen-Zölibat verpflichteten Frauen könnten ihrerseits jener einzig humanen Gesellschaft im Wege stehen, die Simone de Beauvoir im letzten Satz ihres Buches mit den Worten beschreibt: „... daß Mann und Frau jenseits ihrer natürlichen Differenzierungen geschwisterlich zueinander finden.“

Momos