Von Michael Thun

Natürlich klappte es nicht gleich beim ersten Anklopfen, doch machte das auch ein wenig den Reiz des Abenteuers aus: als Radwanderer in Frankreich bei einem Bauer eine Unterkunft für die Nacht finden. Zeigte sich beispielsweise Familie Lebedel nahe Villedieu – was für ein Ortsname! – in der südlichen Normandie anfangs recht zurückhaltend, so endete der Abend spät nach Mitternacht mit einer 21 Jahre alten Flasche Calvados von der Lebedel-Hochzeit, die mir zu Ehren angebrochen wurde.

Ein anderes Mal teilte Familie Denis in einem Straßenimbiß Brot, Pate und Weintrauben mit mir, während wir gemeinsam auf den mit Touristen übersäten Mont-St.-Michel blickten. Bevor ich mich verabschieden konnte, wurde mir noch schnell die Adresse zugesteckt: „Falls Sie nach Guerande kommen, müssen Sie unbedingt unser Gast sein. Wir wohnen direkt neben der Moulin du Diable...“ Oder: Am „Ende der Welt“ (der Name des Departements Finistère stammt vom römischen „finis terrae“) sprach mich in Douarnenez ein Mittfünfziger an, ob ich Durst habe. Natürlich hatte ich, schließlich ist auch die Bretagne nicht ohne Steigungen. Während sich der einstige Langustenfischer mehrmals dafür entschuldigte, mich einfach so angesprochen zu haben, drückte er seine Bewunderung dafür aus, daß ich per Velo allein das Land bereise.

Das ist es wohl: Als Radfahrer hat man bei den nicht zu Unrecht als Individualisten bekannten Franzosen ein gutes Entrée – viel leichter als die anderen rund drei Millionen Touristen, die Jahr für Jahr im Auto, Zug oder per Anhalter die Bretagne aufsuchen. Diese Gastfreundschaft, die mir selbst Bürgermeister in ihren Häusern bezeugten, ist auch deshalb hoch anzusetzen, weil Bretonen nicht eben Charaktere sind, die ihre Gefühle offen zur Schau tragen.

In Douarnenez, das nach Meinung des dortigen Bürgermeisters Michel Mazeau wie alle Städte am Meer eine Seele habe, die sich in ihren Augen ausdrücke („grüne Augen – wie die unendlichen Liebschaften des Meeres; graue Augen – der Traurigkeit und der enttäuschten Hoffnungen; blaue Augen – des Himmels, der Träume und der fortwährenden Gewalt“), in Douarnenez also habe ich ein hierzulande wenig bekanntes „Filmfestival der nationalen Minderheiten“ kennengelernt. Die vorwiegend jungen Cineasten, die eine Woche lang bis in die frühen Morgenstunden (Video)-Filme präsentierten, hatten vor fünf Jahren begonnen, Filme und Lieder der frankophonen Minorität Kanadas vorzustellen. Es folgten Beispiele aus der Kultur und über das Leben der Indianer Nordamerikas und der Einheimischen in den verbliebenen französischen Kolonien. Im Vorjahr war das südfranzösische Okzitanien an der Reihe, unter anderem mit Filmen von Marcel Pagnol und Jean Renoir. In diesem Jahr (vom 30. August bis zum 5. September) lautet das Generalthema „Völker der UdSSR“. Man will über die fortschreitende „Russifizierung“ debattieren, filmische und literarische Beispiele etwa aus Georgien und Kasachstan zeigen, die dokumentieren, wie nationale Minderheiten ihre Identität zu bewahren versuchen – ein in der Bretagne vieldiskutiertes Thema.

Radfahrer sind im Land der „Tour de France“ gewiß keine Minderheit, dennoch genießen sie in der Bretagne das Privileg, außer in den allen Reisenden zugänglichen Jugendherbergen in „Gîtes d’etapes“ unterzukommen – Herbergen im ursprünglichen Sinne, die ausschließlich nichtmotorisierten Wanderern wie auch Reitern oder Kanufahrern vorbehalten sind. Diese in Frankreich einzigartigen „Unterkünfte“ sind nicht nur preiswerter als Jugendherbergen (1981 schwankte der Preis je nach Ausstattung zwischen acht und 15 Franc pro Person/Nacht), sondern in der Regel auch origineller. Beispielsweise stand mir allein in Glomel nahe Rostrenen inmitten der armorikanischen Halbinsel ein „Manoir“ (Landsitz) aus dem 16. Jahrhundert mit rußgeschwärzten Balken, Kamin und altem Gestühl zur Verfügung. Wer sich in den „Gîtes d’etapes“ trotz vorhandener Kücheneinrichtungen nicht selbst verpflegen will, findet neben diesen Gîtes oft vortreffliche Landgasthäuser, deren Lage und Speisekarte gleichermaßen abwechslungsreich sind.

In solch einem Wirtshaus in Glomel lud mich das Wirtsehepaar Anne und Alfred Goazou für zwei Stunden in die Küche ein, obwohl sie gerade eine siebzigköpfige Hochzeitsgesellschaft bewirten mußten. Abgesehen von manchem Klatsch und Tratsch erfuhr ich, daß ein gewisser Milig Glenmor der Vorbesitzer des Prachthauses war – ein bretonischer Barde und Dichter, der neben Alan Stivell und Youenn Gwernig zu den bekanntesten lebenden „Sprechern“ dieser französischen Minorität zählt.