Von Peter-Klaus Schuster

Im Zeichen einer gegenwärtigen Museumseuphorie, getrübt allein durch die herrschende Finanzmisere, erscheint die Frage nach der Rechtfertigung des Kunstmuseums überflüssig. Die Institution Museum, so möchte man meinen, legitimiert sich hinreichend durch ihren Erfolg. Daß dieser Erfolg auch als Krankheitszustand einer Gesellschaft gelesen werden kann, der kaum mehr im Museum eine Heilung finden dürfte, behauptet Walter Grasskamp in seinem Buch „Museumsgründer und Museumsstürmer. Zur Sozialgeschichte des Kunstmuseums“ (Beck Verlag, München 1981; 187 Seiten, 22 Abb., 19,80 DM).

Diese These ist um so provozierender, als sie, eingebettet in eine lesenswerte Sozialgeschichte des Kunstmuseums, unmittelbar auf eine radikale Korrektur aktueller Kulturpolitik abzielt. Dieser mangelt nach Grasskamps historischem Überblick jegliches Argument, Kunstmuseen wie bisher zu fördern. Seit der Französischen Revolution als Fortsetzung feudaler Sammlungen in Mode gekommen, kennzeichne das bürgerliche Kunstmuseum ein asozialer Zug. Entgegen seiner demokratischen Intention, Kunst zum öffentlichen Besitz der Allgemeinheit zu machen, ist das Museum nach Grasskamp durch den Egoismus seiner Gründer unverändert ein Ort der Repräsentation von Herrschaft, Besitz und kulturellen Privilegien geblieben. Hinzu kommt als weiterer Vorwurf die Verharmlosung der Kunst im Museum. Dem Leben entzogen und um ihre urspünglichen politischen oder mythisch-religiösen Funktionen gebracht, werde Kunst durch eine ausschließlich ästhetisch-wissenschaftliche Betrachtung im Museum. bedeutungslos.

Als Friedhöfe und öffentliche Schlafsäle verspottet, wurde die Vernichtung der Museen als Befreiung der Kunst bereits von den Futuristen gefordert. Zwar weist Grasskamp dieses Ansinnen als kunstfeindlich zurück, skeptisch beurteilt er aber auch alle neueren Versuche von Seiten der Künstler als den exemplarisch Unzufriedenen mit dem Museum, Kunst und Leben wieder zu versöhnen. Dies gilt besonders für die Hoffnungen, die man seit der „Arts and Crafts“-Bewegung bis hin zum Bauhaus auf die angewandten Künste, das Kunstgewerbe und das industrielle Design gesetzt hatte. Gerade das Schicksal des Bauhauses zeige, wie dessen Produkte losgelöst vom sozialethischen Impetus ihrer Entstehung in Schönheit als reine Museumsstücke enden. Die Bauhauslehre selbst sei zur Plankammer der Bürokratie verkommen.

Vom bisherigen Museumssturm der Künstler bleibt nach Grasskamp nur ein Mittel, um eine Öffnung der elitären Museumskultur zu erreichen: die von Marcel Duchamp erstmals praktizierte Aufwertung des Banalen zum Museumsstück. Beispielhaft für diesen Einzug des Lebens ins Museum mittels künstlerischer Divination sind für Grasskamp etwa Claes Oldenburgs „Mouse Museum“ oder Daniel Spoerris inzwischen vielfach variiertes „Musée sentimental“. Die Ausweitung des Objektbereiches hin zum Alltäglichen und damit verbunden die Öffnung eines traditionellen Kunstbegriffes, all diese Bemühungen, die Kluft zwischen Kunst und Alltag zu schließen, läßt Grasskamp folgerichtig bei der sozialen Plastik von Beuys enden. Jeder ist Künstler, und das Museum, so Beuys, ist ein „Ort der permanenten Konferenz“.

Die Tücke der idealistischen Ästhetik