Neustadt an der Weinstraße

Nicht Wanderlust, sondern Sehnsucht nach politischer und sozialer Freiheit, nationaler Einheit und Völkerfreundschaft trieb im Mai 1832 Zehntausende Männer und Frauen auf die Schloßruine über Neustadt in der Pfalz. Als „Hambacher Fest“ ging das Ereignis in die demokratische Geschichte Deutschlands ein. 150 Jahre danach, 1982, streiten sich schon Monate vor dem Jubiläum Parteien und politische Gruppierungen darüber, wer der legitime Erbe von „Hambach“ sei.

Neustadt an der Weinstraße am Rande des Naturparks Pfälzer Wald ist eine liebenswerte Stadt mit über 50 000 Einwohnern, einer Fußgängerzone, Fachwerkhäusern und vielen Weinlokalen. Die überaus freundlichen Bewohner weisen den Fremden gern auf die evangelische Stiftskirche, den Renaissancehof in der Rathausstraße, den Kartoffelmarkt und das frischrenovierte Stadthaus hin. Wo allerdings ein Heimatmuseum sei, mit Erinnerungsstücken an das Hambacher Fest, zu dem 1832 über dreißig Neustädter Bürger aufgerufen hatten, das wissen die meisten nicht zu sagen. „Früher gab es mal so was im ‚Klemmhof‘“, sagt eine ältere Dame. Doch der Traditionshof ist längst einem modernen Wohnkomplex gewichen. „Gehen Sie zur ‚Villa Böhm‘“, ruft ein junges Paar vom Balkon. Also: Bergauf zum ehemaligen Herrschaftshaus mit Blick zum Rhein und Speyerer Dom. Am Tor ein Schild: „Am Wochenende geschlossen“.

Noch zeigt Neustadt keine Spuren, die auf Festtage im Mai hinweisen. Die Galerien schwelgen in Abbildungen von Fachwerk-Idyllen, zwei Brunnen erinnern an den Pfälzer Brauch des „Elwetritschen“. Von einem Hambacher-Fest-Brunnen weiß niemand etwas: „Im Schloß hängt eine Gedenktafel. Aber das ist wegen Renovierung geschlossen.“ In den Buchhandlungen, das wurde bestätigt, gibt es Bücher über das Hambacher Fest. „Die kaufen meist ältere Leute, die von auswärts kommen“, ist zu erfahren. Die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz hat eine Informations-Broschüre zusammengestellt. Aufschrift: „Handreichung“.

Die Einheimischen kümmert die Geschichte von damals kaum. Nicht einmal der Pressekrieg, der ausgebrochen ist, weil die heutige „Obrigkeit“, die Landesregierung von Rheinland-Pfalz, als Alleinveranstalter einer „Festdekade“ auftritt und Parteien ausdrücklich ausschloß. Auf dem Programm: Landtagssitzung, Empfang des Landtagspräsidenten, Tagung der Europa-Union, Festakt. Das Volk ist nur an drei Tagen im Schloß willkommen. Mahnt vorbeugend per Brief die Bad Dürkheimer Kreisverwaltung in Neustadt: „.... mache ich Sie darauf aufmerksam, daß lediglich die Tage vom 20. bis 23. Mai 1982 für die breite Öffentlichkeit bestimmt sind, die anderen Veranstaltungen sind interner Natur“.

Die Pfälzer SPD nennt den Ausschluß der Parteien („die Nachfolger der damaligen Vereine“) von der offiziellen Festgestaltung „Arroganz der Macht“. Sie hat einen Arbeitskreis geschaffen, der ein „Hambacher Lesebuch“ erarbeitet, das die „ideengeschichtliche Fortentwicklung der Hambacher Bewegung unter den veränderten industriellen und sozialen Bedingungen aufzeigen“ und „wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden“ soll. Und sie hat einen mit 12 000 Mark dotierten „Hambach-Preis 1982“ gestiftet, der sich an Publizisten, Literaten und Wissenschaftler richtet, die sich mit den demokratischen und sozialen Zielen der deutschen Freiheitsbewegung auseinandersetzen.

Die Leute in Neustadt, wie gesagt, ficht das alles nicht an. Es ist kein Gesprächsthema. Auch nicht beim „Schoppe“, dem zylindrischen Halbliterglas Riesling oder Ruländer. Man muß schon bohren, wenn man das Gespräch auf Hambachs berühmtestes Ereignis bringen will. Und was dann kommt deutet nicht gerade auf intensive Beschäftigung mit der emanzipatorischen Bewegung von damals. Zum Beispiel eine etwa 55jährige Wanderführerin, die stolz darauf ist, den Pfälzer Wald „wie mei Hossetasch“ zu kennen. Sie schwelgt beim Stichwort „Hambacher Fest“: „Ja, die Liselotte von der Pfalz. Die war da. Des war e gute Fraa.“ Gewitzt durch diese Erfahrung wird die Fragestellung beim nächsten Versuch erweiten: „Was wissen Sie vom Fest der Demokraten?“ Folgt Abwinken: „Das Politische interessiert uns net.“ Ärger ist nur darüber zu spüren, daß das Schloß wegen Renovierung geschlossen ist.