Wenn man Martin Warnke, den C4-Professor (früher nannte man das Ordinarius) für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg in seinem Institut besucht, verhindert er als erstes, daß man auf dem Sofa Platz nimmt. Das Sofa, eine Liege im Stil der späten fünfziger für die Last leichter Akten. Wie das Sofa, so das Institut. Die zwei zusammengelegten Altbauwohnungen mit Keller wären, in ihrer provisorischen Hinfälligkeit, durchaus ein charmanter Aufenthalt für jene 40 Studenten, für die der Leseraum kalkuliert ist. Tatsächlich jedoch studieren in Hamburg 500 Studenten (bei zur Zeit zwei Professoren) Kunstgeschichte, und das sind mehr als doppelt so viel, wie selbst die Kapazitätsberechnungsstelle für richtig hält. Wieso es bei Numerus clausus und einer Notendurchschnittshürde von 1,7 dazu kommen konnte? An einem entscheidenden Punkt der Berechnungen werden die Studenten nur bis zum Magisterexamen statistisch geführt. Daß es zum Beispiel Doktoranden gibt, in Hamburg an die hundert, ist nicht vorgesehen.

Kunstgeschichte zu lehren oder zu lernen, ist zur Zeit ein Unding in Hamburg: Die Bücher sind nur bei doppelter Absturzgefahr aus zu eng gestellten, zu hohen Borden zu holen; in den Zeitschriftenraum kommt man nur durch komplizierte Schlüsselausleihe; die Anfertigung von Dias dauert acht Wochen (während derer man nicht mit den Büchern arbeiten kann); Exkursionen sind kaum möglich.

Martin Warnke, ein noch jugendlicher Stern am nicht eben überfüllten Himmel deutscher Kunsthistoriker, kam vor vier Jahren unter anderem auch deshalb nach Hamburg, weil er, im Unterschied wohl zu den Behörden, weiß, daß vor rund 60 Jahren mit Aby Warburg und Erwin Panofsky Kunstgeschichte an diesem Ort in ein weltweit neues Zeitalter eingetreten ist. Und Warnke, der seinerseits den Warburgischen Ansatz jener die reine Stilgeschichte sprengenden Methode der ikonologischen Forschung weitergetrieben hat, hatte gehofft, hier nicht nur lehren, sondern auch wissenschaftlich arbeiten zu können. Für das eine wie das andere hatte er Hoffnungen und Wünsche. Zum Beispiel: mehr Kollegen (aber mit jedem neuen Professor wird, falls er bewilligt wird, eine entsprechende Studentenzahl zugelassen). Zum Beispiel: mehr oder neue Räume (das Haus, in dem Aby Warburgs „Kulturwissenschaftliche Bibliothek“ untergebracht war, kann man mieten). Zum Beispiel: Ankauf einer ungewöhnlichen Photo-Bibliothek, die mit ihren 1,3 Millionen Motiven für die in Hamburg begonnene Schule der Kunstwissenschaft wichtig wäre.

Um die Anschaffung dieser „Witt-Library“ bemüht sich nun Marburg, das Warnke gern auf eine neugeschaffene C4-Professur locken möchte. In Marburg gibt es nur 200 Studenten, vier Professoren und Räume, in denen man arbeiten kann. Warnke würde gern in Hamburg bleiben, aber so, wie die Dinge sind, darf er hier zwar weiterhin den Mangel verwalten, aber um Himmels willen keine Ideen, keine Pläne haben.

Als im vergangenen Jahr zum erstenmal der Aby-Warburg-Preis vom Senat der Stadt Hamburg verliehen wurde, sprach Kultursenator Tarnowski von dem „Vorbild“, das in den „Bibliotheken der Hamburger Kunsthalle und des Kunsthistorischen Seminars der Universität nachwirkt“. So gut weiß der feinsinnige Senator Bescheid über die Realität seiner Floskeln. Hamburgs Wissenschaftssenator Sinn, der Hausherr der Universität, ist da konkreter: nachdem er gerade mit dem Lessing-Lehrstuhl gescheitert ist, möchte er nun am liebsten gleich einen Otto-Hahn-Lehrstuhl für Physik und einen Max-Weber-Lehrstuhl für Soziologie einrichten. Vielleicht berichtet ihm sein Pressereferent mal von Aby Warburg und seiner unvergleichlichen Bibliothek, deren 90 000 Bände 1933 nach London gerettet wurden.

Für fast 40 Millionen Mark leistet man sich in Hamburg jetzt einen spießigen neuen Rathausplatz. Aber einen Kopf, der weiß, daß am Kunsthistorischen Institut eine Tradition kaputtgeht und eine Verpflichtung ignoriert wird, den leistet man sich nicht. Das Tor zur Welt als Tor zur Provinz.

Petra Kipphoff