Schieß und vergiß“, lautet der Werbeslogan der Waffenhändler, die intelligente Raketen vom Typ Exocet in aller Welt feilbieten. Ihr Motto könne auch lauten „Exportier und vergiß“ monierte die Pariser Tageszeitung Le Monde, nachdem die Rakete aus französischer Produktion ein Schiff des englischen Verbündeten im Südatlantik versenkt hat – ein Erfolg, der bei der Herstellerfirma angeblich wie ein Fußballtor bejubelt wurde. Der Werbeeffekt eines solchen Treffers ist ja auch unbezahlbar.

Der Untergang der Sheffield wirft aber nicht nur die Frage nach der Moral im internationalen Waffengeschäft und nach den Spätfolgen eines allzu unbekümmerten, nur am Erfolg für die Zahlungsbilanz gemessenen Rüstungsexports auf. Die sekundenschnelle Vernichtung eines 150 Millionen Mark teuren Schiffes durch eine Rakete, die für weniger als ein dreißigstel Prozent dieses Preises zu haben ist, zwingt auch dazu, die Rationalität der eigenen Rüstung und der Prioritäten im Verteidigungsetat zu überdenken. Müssen wir wirklich noch große Schiffe bauen, um die Ostsee zu bewachen? Ist es wirklich sinnvoll, für Hunderte von Milliarden Mark immer kompliziertere Panzer oder Flugzeuge zu entwickeln und zu produzieren, wenn die Abwehrwaffen ständig raffinierter und billiger werden? Denn gegen intelligente Raketen und Torpedos, deren Elektronik sie nach dem Abschuß über weite Entfernungen sicher ins Ziel führt, hilft keine altmodische Tapferkeit, sondern nur eine noch intelligentere Elektronik. Der aus einer anderen Epoche der Kriegsgeschichte stammende Kreuzer „General Belgrano“ mit seinen optisch imposanten, aber nutzlosen Geschützen und seinen dicken, aber sinnlos gewordenen Panzerplatten hatte von vornherein keine Chance. Aber auch die moderne, mit Elektronik vollgestopfte Sheffield war wehrlos, weil ihr eine der Exocet überlegene Abwehrwaffe fehlte.

Die Politiker werden bei der Verteilung der Verteidigungs-Milliarden in Zukunft noch sorgfältiger zu prüfen haben, ob der Wunsch der Militärs nach immer teureren Waffensystemen ökonomisch sinnvoll ist. Der Drang nach einer schimmernden Wehr war schließlich in allen Jahrhunderten bei den Soldaten stark ausgeprägt – oft sehr viel stärker als ihr Sinn für Ökonomie. Deshalb wurden auch dann noch lange prächtige Rüstungen geschmiedet, als die Erfindung der Feuerwaffen sie längst sinnlos gemacht hatte. Und bis heute laufen die Offiziere vieler Armeen mit Säbeln und Degen in der Gegend herum.

Während die Preise für kriegerisches Prunk- und Protzgerät in geradezu astronomische Höhen klettern, werden die intelligenten Waffen eher billigen Denn die elektronischen Bauteile werden ständig kleiner, leistungsfähiger und preiswerter. Das ist im militärischen Bereich nicht anders als in der Industrie. Auch dort erobert die Elektronik in der Werkhalle ebenso wie im Büro eine Bastion nach der anderen. Das tritt zwar selten so spektakulär in Erscheinung wie beim Einschlag der Exocet auf der Sheffield – aber die sozialen Folgen sind oft nicht weniger dramatisch.

Die moderne Elektronik, die auf immer kleinerem Raum größere Rechner- und Steuerkapazität vereinigt, führt dazu, daß auch die alte Geschichte von David und Goliath in immer neuen Variationen erzählt werden kann. Und das Schicksal der Sheffield sorgt vielleicht dafür, daß über die Konsequenzen dieser Entwicklung im militärischen und zivilen Bereich noch intensiver als bisher nachgedacht wird: von Militärs, Politikern, Industriellen und Gewerkschaftern gleichermaßen.

Michael Jungblut