Von Jes Rau

Im Palast des großarabischen Königtums prostet der herzkranke Herrscher und sein Binder, der Kronprinz, dem Ölminister des Landes mit Mineralwasser zu: „Lieber Freund, Sie sind ein schlauer Wüstenfuchs! Ihre Strategie, die Industriestaaten mit einer Ölschwemme einzulullen, war goldrichtig. Die Einnahmeverluste waren schmerzlich. Aber nur so konnten wir verhindern, daß die Amerikaner anfangen, im großen Stil Öl aus Sand und Schiefer herzustellen. Ihr Präsident ist wirklich ein charmanter Mann. Wie gut, daß er gegen die Einmischung Washingtons ins Ölgeschäft ist. Dadurch bleiben die Industriestaaten unter unserer Fuchtel. 1985 können wir unsere Preise wieder verdoppeln ...“

So ähnlich stellt sich der amerikanische Energieexperte Stephen Smith vor, wie die derzeitige Ölschwemme entstanden ist. Er ist davon überzeugt, daß die Industriestaaten systematisch eingelullt werden. Saudi-Arabien benutzte seine riesigen Ölreserven, um die Preise knapp unterhalb des Niveaus zu halten, bei dem sich neue Verfahren zur Herstellung von Öl zu lohnen beginnen: die Ausbeutung ölhaltiger Sande und Schiefer.

„Ich glaube, die Saudis haben genau das erreicht, was sie sich zum Ziel gesetzt haben“, meint Smith. „In den Verbraucherländern bezweifelt man inzwischen, daß die Ölpreise in den kommenden Jahren stärker ansteigen werden als das allgemeine Preisniveau“. Die Folge: In den Vereinigten Staaten werde jetzt aus Rentabilitätserwägungen versäumt, die Ausbeute von ölhaltigem Sand und Schiefer anzukurbeln. Neue Preisexplosionen seien deshalb in Zukunft unvermeidlich.

Zum selben Ergebnis kann auch gelangen, wer nicht gleich ein saudi-arabisches Komplott unterstellt. Schließlich gehören Ölknappheit und Ölschwemme, Weltuntergangsstimmung und Hans-Guck-in-dieLuft-Einstellung zum Ölgeschäft, solange es dies gibt. Jede Ölschwemme setzt die Kräfte in Bewegung, die später zu Knappheiten und zum Preisboom führen: Während der Verbrauch wegen niedriger Preise anzieht, drosseln die Ölproduzenten ihre Förderung oder verzichten auf die Erschließung neuer Quellen.

Genau das findet in den USA augenblicklich statt. Benzinsaufende Straßenkreuzer sind plötzlich wieder gefragt. In diesem Sommer werden wahrscheinlich mehr Leute auf Achse sein als je zuvor. Andererseits geht die Bohrtätigkeit der Ölfirmen auf der Suche nach neuen Vorkommen zurück. Und immer mehr Firmen entscheiden sich gegen die Ausbeutung der gewaltigen Ölvorräte in Sand und Schiefer.

Der schwerwiegendste Fall ist die Ankündigung von Exxon, des größten Ölmultis der Welt, das „Colony Shale Oil“-Projekt in Colorado aufzugeben. Als Exxon sich zusammen mit der Tosco Corp. auf dieses Vorhaben einließ, plante das Unternehmen, ab Mitte der achtziger Jahre pro Tag 45 000 Barrel (ein Barrel = 159 Liter) Öl aus dem ölhaltigen Kalkstein der Rocky Mountains zu produzieren. Eine Destillationsanlage – eine Art Riesen-Kochtopf – wurde installiert, in Parachute, dem nächstgelegenen Ort, für die aus den ganzen USA herbeiströmenden Arbeiter dreihundert neue Häuser hochgezogen.