John Hinckley: im Labyrinth der Depressionen

Von Michael Naumann

Washington, im Mai

Sechsmal schoß John Hinckley jr., der inzwischen 26jährige Millionärssohn aus Denver, am 30. März 1981 vor dem Hilton-Hotel in Washington auf den amerikanischen Präsidenten und verletzte ihn – neben drei anderen Männern – schwer. Wenige Wochen vor dem Mordanschlag hatten ihn seine Eltern, des stummen Stubenhockers überdrüssig, auf die Straße gesetzt wie ein Kind, das ausgedient hat.

Am vorigen Donnerstag trafen die Eltern ihren Sohn im Oberlandesgericht der amerikanischen Hauptstadt wieder. Er saß den zwölf Geschworenen im Gerichtssaal gegenüber. Sie haben in zwei Wochen zu entscheiden, ob John Hinckley zur Tatzeit Herr seiner Sinne – also schuldig – war, wie die Staatsanwaltschaft behauptet; oder ob er im strafrechtlichen Sinne unzurechnungsfähig war, wie seine Verteidiger geltend machen.

Während Zeugen, die Hinckley jr. kannten, seinen rätselhaften Charakter zu erklären suchen, verschließt sich der Angeklagte in mimisch absoluter Ausdruckslosigkeit. John Hinckley hat seinem Gesicht Gefühle verboten. Er meidet den Augenkontakt mit seiner Mutter in der dritten Reihe des holzgetäfelten Gerichtssaales: Dort sitzt sie aufrecht, starren Blicks auf den Richter, die Mutter-Maske. Der Vater, ein christlich engagierter, republikanischer Parteigänger Ronald Reagans, hat inzwischen für den Prozeß keine Zeit mehr.

Amtliche Psychiater im Bundesgefängnis Buttner in North Carolina hatten fast zwölf Monate lang dem Mordschützen aus bestem Hause mit den Geräten, Doktrinen und Methoden ihres Gewerbes jene Beachtung geschenkt, nach der er sich jahrelang verzehrt hatte (nach den Jugendfreunden ihres Sohnes befragt, nannte Mrs. Hinckley später "zwei Katzen, die er liebte"). Legalistische Debatten verzögerten den Prozeßanfang. In dieser Frist legte sich der "Erfolgslose in einer sehr erfolgreichen Familie" (so sein erster Therapeut) eine neue Rolle zu: Er chargiert nun den herrisch Unzulänglichen, ein Samurai im Irrgarten seiner Gefühle.