Von Verena Rick

Die „Neue Rechte“ in Frankreich machte in letzter Zeit viel von sich reden. Es erregte allgemeine Verwunderung, daß Vertreter einer scheinbar überholten Anschauung binnen kurzer Zeit einen bedeutenden Einfluß auf die Intelligenz gewinnen und renommierte Zeitschriften wie Figaro Magazine in ihre Hände bringen konnten. Zur Verwunderung gesellte sich bald Besorgnis: Erinnerten nicht einzelne Äußerungen der „Neuen Rechten“ unmittelbar an die Ideologie des Nationalsozialismus? Indizien für eine Verbindung dieser Bewegung mit neofaschistischen Organisationen schienen sich vereinzelt zu finden, und die Diskrepanz zwischen den für die Allgemeinheit bestimmten Verlautbarungen dieser Gruppe und ihren internen Äußerungen war nicht schwer zu entdecken.

Mit der Aufsatzsammlung „Das unvergängliche Erbe“ stellen sich Theoretiker der „Neuen Rechten“ nun auch dem deutschen Leser vor. Dieses Buch ist die erste Publikation des „Thule-Seminars“, einer deutschen Filiale der die „Neue Rechte“ sammelnden französischen „G.R.E.O.E.“-Gesellschaft, sein erster Vorsitzender, der 34jährige Pierre Krebs, der Herausgeber. Die Verbundenheit mit der „G.R.E.C.E.“ zeigt sich in diesem Buch vor allem darin, daß ihr bekanntester Theoretiker, der 37jährige Alain de Benoist, gleich mit zwei Beiträgen vertreten ist, und der 30jährige „G.R.E.C.E.“-Wirtschaftsexperte Guillaume Faye einen Artikel beisteuert. Demgegenüber ist das Durchschnittsalter der deutschsprachigen Mitarbeiter erheblich höher: Der Essayist Peter Binding, der Publizist Armin Mohler und der Kunstschriftsteller Richard W. Eichler sind alle sechzig Jahre alt. Nur die beiden Wissenschaftstheoretiker Rudolf Künast (40) und Jörg Rieck (48) gehören von den deutschsprachigen Autoren der mittleren Generation an, und auch das Alter des italienischen Geschichtsphilosophen Giorgio Locchi (50) und des argentinischen Soziologen Jacques de Mahieu (65) weisen darauf hin, daß der theoretische Beitrag der jüngeren Generation zur „Neuen Rechten“ immer noch aus Frankreich kommt.

Haben sich nun die Anhänger des scheinbar Neuen mit den letzten Kämpfern des im Zweiten Weltkrieg besiegten Gestrigen verbündet? Es empfiehlt sich, dieses Buch sehr genau zu lesen, um den gefährlichen Kern in der scheinrespektablen Schale zu entdecken. Denn um Respektabilität bemüht man sich sehr: So wurde etwa; der renommierte Psychologe Professor Hans-Jürgen Eysenck, der 1934 aus politischen Gründen Deutschland verlassen mußte, für das Vorwort gewonnen. Seine Hypothese von der genetisch bedingten Ungleichheit der Menschen, die er mit Hilfe von Gruppen-Intelligenztests wissenschaftlich zu untermauern suchte, wird von den „Neuen Rechten“ mit großem Eifer aufgegriffen. Sie scheint den Vertretern dieser Richtung besonders geeignet zu sein, ihre zentrale Idee von der naturgegebenen, hierarchische Ordnungen objektiv begründenden Ungleichheit auch denen zu vermitteln, die noch auf die wissenschaftliche Nachprüfbarkeit einer Theorie Wert legen.

Auch auf geschichtsphilosophischem Gebiet gibt man sich Mühe, den Kampf gegen den verhaßten „Egalitarismus“ seriös zu begründen. Giorgio Locchi sucht bei seinen Spekulationen über die Dreidimensionalität der Zeit neue Erkenntnisse über das Raum-Zeit-Kontinuum zu verwerten, um die eindimensionale Zeitauffassung anzugreifen, die nach Meinung der Autoren dieses Bandes Ursache des „Egalitarismus“ ist. Denn diese lineare Zeitauffassung bildet für sie die Grundlage des egalitären Geschichtsverständnisses: Nur die Annahme, daß Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft radikal voneinander getrennt sind, kann zum Glauben an eine Zukunft führen, in der die Ungerechtigkeiten aller geschichtlichen Epochen durch einen völlig neuen Zustand der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit überwunden werden. Die Wurzeln dieses Geschichtsverständnisses liegen für die „Neue Rechte“ in der von ihr mit besonderer Schärfe angegriffenen jüdisch-christlichen Tradition; ihr Geschichtsbild setzt sich nach übereinstimmender Auffassung der Autoren in der liberaldemokratischen Tradition und im Sozialismus fort. Der universalistischen Tendenz dieser Richtungen stellt die „Neue Rechte“ einen konsequenten Nominalismus gegenüber: Es gibt nach ihr keine allgemeingültige Erkenntnis, sondern nur Namen für verschiedenartigste Einzelheiten.

Soviel über die rational diskutierbaren Anschauungen der „Neuen Rechten“. Sie wären leicht zu kritisieren; man beachte nur den Widerspruch zwischen dem Glauben an die Meßbarkeit des menschlichen Rangs durch Intelligenztests und dem Nominalismus, der alle absoluten Maßstäbe leugnet. Doch solcher möglichen Kritik entziehen sich die Autoren, indem sie, ihre Pseudo-Wissenschaftlichkeit nun vollends als Tarnung entlarvend, in den Irrationalismus fliehen. „Unsere neue Schule betont das Primat des Lebens über sämtliche vermittelten Lebensanschauungen, den Vorrang der Seele vor dem Geist sowie des Empfindungsvermögens vor dem Intellekt, den Vorzug schließlich des Charakters gegenüber dem Verstand“ (Pierre Krebs). Dies läßt die breit angelegte IQ-Argumentation der Autoren recht unverständlich erscheinen, aber den Zweiflern antwortet Alain de Benoist: „Die Wahrheit der Postulate, auf die ein System sich aufbaut, läßt sich nicht beweisen Grundlegendes Postulat der „Neuen Rechten“: Die Welt ist ein Chaos, das Chaos ist ein Übel doch der Mensch als „Herr der Formen“ kann dieses Chaos besiegen. Vorzüglich der indogermanische: So wird die nationalsozialistische Rassenlehre gleichzeitig konserviert und auf eine etwas internationalere Basis gestellt, ungeachtet der Tatsache, daß es sich bei den Indogermanen um keine rassische, sondern eine sprachliche Gruppe handelt. Dennoch bemüht man sich auch hier um den Anschein von Wissenschaftlichkeit; das Bild der indogermanischen Kultur in diesem Buch entspricht den Theorien von George Dumezil, dem Nestor der französischen Indogermanistik. Nun hat sich dieser international hoch angesehene Wissenschaftler ausdrücklich von der „Neuen Rechten“ distanziert; dies schließt jedoch nicht aus, daß manche seiner Hypothesen durchaus anfechtbar sind und möglicherweise ein illusionäres Bild indogermanischer Vergangenheit vermitteln. Jedenfalls könnte eine wissenschaftlich fundierte Dumezil-Kritik der „Neuen Rechten“ einige Tarnungsmöglichkeiten nehmen. Doch ist Dumezil daran unschuldig, daß von den Autoren dieses Bandes jenen prähistorischen Indogermanen geradezu mythische Fähigkeiten zugeschrieben werden. Hier zeigt sich das Erbe des Nationalsozialismus so offen wie an manchen anderen Stellen des Buchs, etwa dort, wo Jörg Rieck die von dem Nobelpreisträger Shockley vorgeschlagenen Maßnahmen zur Verminderung der Fruchtbarkeit von Menschen mit „minderwertigem Erbgut“ wohlwollend referiert oder Armin Mohler gar von der Vernichtung des Gegenspielers spricht, dann nämlich, wenn sich die Frage, ‚du oder ich‘ stellt“. Auch Kunsttheorie und Bildbeispiele könnten einem Austellungskatalog der Hitlerzeit entnommen sein.

Daneben gibt es auch Stellen, an denen ein unklarer Mystizismus ausgesprochen wird, Stellen, die vermuten lassen, daß es bei den „Neuen Rechten“ neben der offiziellen Lehre auch eine Geheimlehre geben könnte. Eine Passage von Alain de Benoist weist vielleicht auf eine Spur. Er schreibt: „Es wäre ja ungerecht, wenn alle Menschen eine Seele hätten; gerecht ist, daß es einigen zum Abschluß ihrer Selbstschöpfung gelingt, sich ehe Seele zu geben. Der allein kann sich eine Seele geben, der Herr seiner selbst ist.“ Diese seltsame Auffassung entspricht den Lehren von Georgij Ivanowitsch Gurdjew, einem Guru aus dem Kaukasus, der zwischen den Weltkriegen in Fontainebleau ein „Institut für harmonische Entwicklung des Menschen“ leitete. Informationen über die Seelenlehre jenes Meisters gibt die Gurdjew-Biographie von Louis Pauwels (deutsch 1956). In diesem Buch behauptet der Autor auch, Gurdjew habe im Kontakt mit dem deutschen Geographie-Professor Karl Haushofer gestanden und mit ihm auf Asienreisen okkultistische Lehren erforscht. Dieser Karl Haushofer sei in den zwanziger Jahren der führende Kopf der esoterischen Thule-Gesellschaft gewesen, der auch Hitler und andere führende Vertreter des Nationalsozialismus angehörten. Die entscheidende Rolle. Haushofers, der Thule-Gesellschaft und überhaupt des zeitgenössischen Okkultismus bei der Entstehung der nationalsozialistischen Ideologie betont Pauwels noch stärker in dem Buch „Aufbruch ins dritte Jahrtausend“ (deutsch 1962), das er zusammen mit dem jüdischen Wissenschaftler Jacques Bergier schrieb. Mittlerweile starb Bergier, und Pauwels ließ sich wohl immer mehr von dem faszinieren, was er seinerzeit zu entlarven half: Er wurde zum füh- – renden Kopf der französischen „Neuen Rechten“,