Von Astrid von Friesen

Die Geschichte der Zigeunerin Josefine Ernst ist sehr deutsch. Sie ist ein Spiegelbild deutschen Machtmißbrauchs und deutscher Bürokratie. Und sie macht betroffen.

Der erste Akt dauerte von 1940 bis 1945. Er spielte in Polen.

Der zweite Akt begann nach dem Krieg und dauert noch an, nunmehr schon 37 Jahre. Beteiligte sind Gerichte, Gutachter und Ärzte.

Josefine Ernst hat heute keine Hoffnungen mehr, daß ihr Recht geschieht. Keinen Mut und keinen Grund mehr, daran zu glauben, daß sie wegen ihres zerrütteten Gesundheitszustandes eine Rente bekommt. Denn daß es ihr auf Grund „verfolgungsbedingter“ Umstände schlechtgeht, scheint nicht zwingend zu sein.

Geboren wurde Josefine Ernst 1926 in Hamburg-Altona. Sie gehört zu der Gruppe der Sinti und der Sippe der Rosenbergs. Als drittes Kind in einer großen Geschwisterschar fühlte sie sich geborgen. Heute ist sie die einzige noch Lebende. Acht Geschwister, darunter ein Säugling, starben in den Gaskammern von Auschwitz. Ein weiterer diese Zeit überlebender Bruder starb vor drei Jahren. Er stand ihr als einziger Bruder, der die Kindheit und die Grauen in Polen miterlebt hatte, trotz der eigenen großen Familie, besonders nah.

Aber nicht nur die Geschwister kamen nach dem Krieg nicht nach Hause zurück, auch der Vater nicht. Er wurde erschlagen, in Sachsenhausen von Soldaten niedergeknüppelt. Josefine Ernst war der erklärte Liebling des Vaters, der als Musiker arbeitete. „Ich war die Hübscheste. Immer sang und tanzte ich nach seinen Liedern. Und einmal schenkte mir der Vater goldene Ohrringe.“