Laufe Anderson: „Big Science“. Die Bewunderer der Performance-Künstlerin, die schon klagten, daß sie sich mit ihrem Pop-Hit „O Superman“ kompromittiert habe, haben angesichts ihrer ersten „richtigen“ Langspielplatte weiteren Grund zum Unmut. Denn „Big Science“ ist nur ein akustisches und nicht auch ein optisches Ereignis, kokettiert weiter mit Mitteln der Pop-Elektronik. Die Auszüge aus dem „United States I-lV“-work in progress könnten die Ex-Ägyptologin und multi-talentierte Avantgardistin zu einem Popstar machen, der die Elektronik-Rocker von Kraftwerk bis Depeche Mode wie harmlose Einfaltspinsel der frühen Video-Ära ausschauen läßt, ganz zu schweigen von den Casio-Minimalisten der neudeutschen Welle, die von Laune Anderson lernen könnten, wie hintersinnig komisch Mixed-Media-Kritik sein kann. Denn wieviel mehr man mit dem Casio anstellen könnte, deutet die Verfremdungskünstlerin hier immerhin 38 Minuten lang in und macht so gespannt auf ihr ausstehendes 8-Stunden-Opus. (Warner Bros. WB 57 002) Franz Schöler

Talentiert

Wynton Marsalis“. Der Name gehört einem bei der Aufnahme 1981 erst neunzehnjährigen Trompeter mit einer rechtschaffenen Ausbildung. Weil, wie er erfahren hatte, „so viele schwarze Musiker vor diesem Monster, genannt klassische Musik, erschrecken“, wollte er wissen, was es damit auf sich habe, und studierte sein Fach „klassisch“. Der fleißige und hörbar begabte junge Mann, Sohn eines schwarzen Jazzmusikers in New Orleans, spielte, erst vierzehn Jahre alt, Haydns Trompeten-Konzert mit den Philharmonikern seiner Heimatstadt, lernte weiter am Berkshire Music Center und an der Juilliard School – und blies Jazz. Dies ist seine erste Schallplatte, ein bemerkenswertes Ereignis, bei dem ihn mit merklicher Anteilnahme nicht nur sein Bruder Branford, ein ausgezeichneter Saxophonist, begleitet, sondern unter anderen auch der Pianist Herbie Hancock, der Bassist Ron Carter, der Schlagzeuger Tony Williams. Am besten zeigt sich Wynton Marsalis auf der ersten Schallplatten-Seite: mit Kraft und einer erdenfesten Leichtigkeit. Seine zupackende Musikalität wird am deutlichsten im spannenden Debattenspiel mit seinem Bruder. Auf der zweiten Seite geht es betulicher zu, eher getragen als lyrisch, die prominenten Mitspieler lassen ihre Beiträge ein bißchen zerflattern. Erst im letzten Stück, einer gedankenreichen musikalischen Auseinandersetzung, ist die Konzentration des Anfangs wieder erreicht. (CBS 35 404) Manfred Sack

Vertrackt

Jens-Peter Ostendorf: Kompositionen für Flöte“. Erstmals begegnete man dem 1944 in Hamburg geborenen Komponisten 1968 in Darmstadt, wo er bei Stockhausens „Musik für ein Haus“ an einem der Simultanstücke arbeitete. Wohl am weitesten bekannt wurde er 1977, als im Ausweich-Zelt der Hamburger „Fabrik“ sein Versuch gezeigt wurde, Probleme einer gefährdeten Jugend in einer Art Rock-Musiktheater aufs Podium zu bringen „Bruch – Ein Ding mit Musik“. Nächsten Monat schließlich wird die Hamburger Staatsoper in ihrer opera stabile „William Ratcliff uraufführen. Aus den Jahren 1966-79 stammen die fünf Kompositionen für eine bis acht Flöten und Live-Elektronik. die Ostendorf jetzt in Eigeninitiative (und das zeigt eine der Miseren, mit denen sich junge Komponisten herumplagen müssen) auf eine Platte spielen ließ – deutliche Stadien einer Entwicklung von streng kalkulierter Zwölftonreihe („Drei Sätze“) bis hin zu repetitiven Mustern („Etüde sul C“), zirzensischen Eskapaden der Klangschichtung („For Me“), allen nur erdenklichen instrumentalen Verfremdungen („Multiphonia“), oder elektronischen Manipulationen („Seul“). Merkwürdiger Zufall oder gesteuerte Intention: das ständige Kreisen um Zentraltöne, die sich in immer weitere Räume auszudehnen versuchen, Tongirlanden, die Grenzen zu erkunden scheinen. Und: eine hohe Sensibilität, die immer wieder zurückkommt auf Fiageolett-Kombinationen und Farbverlagerungen mit Hilfe komplizierter Griff-Veränderungen. Erschließen allerdings lassen sich die Stücke wohl nur – und auch dies allenfalls bedingt – wenn man die Noten zur Hand nimmt (Sikorski, Hamburg). So bleibt für die meisten Hörer das reine, unmittelbare Affettuoso; aber das ist weder von einer noch von acht Flöten leicht auf die notwendige Konzentration zu bringen. Eine Dokumentation also, eine Anthologie für Kenner, für Partout-Avantgardisten und nicht zuletzt für Analytiker vertrackter Strukturen. (308 115; Vertrieb: Mars-Schallplatten, Joachim-Friedrich-Straße 55, 1000 Berlin 31)

Heinz Josef Herbort