Die Schuld hat man mir zugewiesen – Seite 1

Albert Victor, der ehemalige Chef der "Neuen Heimat", besteht auf seiner Rehabilitierung

Von Ben Witter

Der fristlos entlassene "Neue Heimat"-Chef hat einen Bungalow in Wedel bei Hamburg, wo es treppauf und treppab geht, überall Marmor unter den Brücken und Teppichen. Unten sind die Fenster vergittert. Kunstschmiede formten Blütenmuster. Einbrecher waren schon zweimal da. Und wegen der Todesdrohungen gegen Vietor macht die Polizei Kontrollfahrten. "Ich kann weder Bäume schneiden noch Pflanzen pflegen", sagte er auf dem Holzbodensteg zum Gartenweg und trat auf Gras.

Sein Arbeitszimmer ist im Untergeschoß. Vom Schreibtisch bis zur Liege ist höchstens Platz für vier Schritte vor und zurück. Wir bogen in den nächsten Gang ein. Gänge wie auf einem Dampfer. Links und rechts gehen Zimmer ab. Am Ende war ein Swimming-pool und hallende Weite unter der Decke. Der Tennisplatz hinterm Haus wird nicht mehr betreten, und auf dem Bocciafeld wusch der Regen Schmutz von Wurfbällen. Der Wald dahinter gehört der Stadt.

Albert Vietor blieb stehen: "Ich gehe nie spazieren, ich muß immer ein Ziel vor Augen haben, und was ich mache, das mache ich ganz. Und wenn ich im Auto sitze, sehe ich nur Ampeln. Ich habe meine Frau einmal gefragt, ob in der S- und U-Bahn eigentlich Toiletten sind."

Schach dem Computer

Von dem Ledersofa im Wohnzimmer aus gehen die Blicke breit nach draußen, aber Vietor hatte seine Blicke vorn auf dem Biedermeiertisch mit dem Schachbrett und dem Computer. Seit Mitte Februar spielt er gegen ihn.

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Dann machte er in dem Schrank mit seiner Jugendstilvasen-Sammlung Licht. Die Handzeichnungen daneben von Barlach, Janssen, Kollwitz und Pechstein kriegten einen Schimmer ab. Tagsüber haben sie es halb dunkel. Seine älteste Tochter aquarelliert und zeichnet in Wien, und auf fast jedem Blatt sind buckelige Bauernhäuser zwischen Bäumen. Sie hat ein Haus in Wien, und ihre Schwester wohnt in einem Haus in Pinneberg. Albert Vietor schloß die Mappe.

"Ich muß immer alles im ganzen sehen. Als Kind mußte ich Milch austragen. Wir waren fünf Geschwister und verloren früh unseren Vater. Meine Mutter führte das Lebensmittelgeschäft allein weiter. Für die höhere Schule war kein Geld vorhanden, und ich lernte Lebensmittelkaufmann."

Ich stellte ihn mir als Chef einer Ladenkette vor, der im weißen Kittel regelmäßig nach dem Rechten sieht und Vertrauen erweckt. Vietor suchte sein Feuerzeug: "Im Krieg war ich fünfmal verwundet, vom Kriegsschluß erfuhr ich im Lazarettzug, und durch eine Täuschung entließen mich die Russen als ‚Holländer‘. Ich habe es bis zum Feldwebel gebracht. Ich bin Jahrgang ’22. Es war doch ein erfülltes Leben."

Er griff nach einer Zigarre: "Das haben mir die Ärzte zwar verboten, ich stand Mitte Februar vor dem dritten Herzinfarkt. Aber jetzt kämpfe ich für mein Recht, und das hält mich hoch ... Ein erfülltes Leben ab wann, fragen Sie? Erst recht seit dem Dezember 1945. Ich bekam eine Stellung als kaufmännischer Angestellter bei der ,Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat’ zu Hause in Kassel, obgleich ich gar nichts vom Grundbuchwesen und von Finanzen verstand. Plötzlich sollte ausgerechnet ich die Ansprüche der Gewerkschaften auf die ‚Neue Heimat Kassel‘ abwehren. Ich fand aber heraus, daß sie berechtigt waren, und schlug mich auf die Seite der Gewerkschaften. Dabei lernte ich zum erstenmal ehemalige KZ-Häftlinge kennen, und ich trat in die SPD ein. Da stehe ich inzwischen Mitte-rechts."

Er zupfte an seinem Kragen: "Doch wir können weder einen SPD- noch einen CDU-, noch einen FDP-Wohnungsbau betreiben ... Und ich war von Anfang an ein energischer Verfechter der sozialen Marktwirtschaft beim Wohnungsbau, bei aller sozialen Sicherung. Das brachte mir eine Menge Feinde ein. Aber ich bin immer Optimist gewesen. Ob Bundestagsabgeordnete, Bundes- und Länderminister oder Regierungspräsidenten, auch was deren Meinung war – ich komprimierte alles zu einem Programm. Ich muß immer wieder ‚ich‘ sagen."

Seine Stimme, tief brummelnd und gesättigt, holte nach: "Ich kann nie laut werden, bleibe äußerlich immer ganz ruhig, fresse alles in mich hinein. Bis vor zwölf Jahren habe ich jeden Tag 120 Zigaretten geraucht."

Er hob die Schultern und zupfte an seinem Revers: "Ich rechne fest mit meiner völligen Rehabilitierung. Nach den ungeheuerlichen Verdächtigungen, mit denen man Anfang Februar über mich herfiel, wurde ich von den Ärzten stillgelegt. Aber phantastische Briefe sprachen mir Mut zu. Und auch Journalisten schrieben: "Wir stehen bei Dir.’"

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Ihm fiel ein, daß er ja Luft und Bewegung braucht. Wir stellten uns vor die Haustür und gingen ein paar Schritte vor und zurück. Es regnete seit über einer Stunde.

"Es ist doch nicht zu glauben", sagte Albert Vietor, nachdem er den Atem angehalten hatte, "daß ich bis heute vom Aufsichtsrat nicht gehört worden bin. Nach meinem Dienstvertrag ist eine entgeltliche Tätigkeit vom Aufsichtsrat zu genehmigen. Aber es ist keine entgeltliche Tätigkeit zu verzeichnen. Und dort, wo die Gefahr des Selbstkontrahierens bestand, sind Gesellschafter, Präsidium oder Aufsichtsrat unterrichtet worden. Ich habe Herrn Vetter erklärt, daß ich bereit bin, eine gewisse moralische Schuld auf mich zu nehmen, und bot deswegen meinen Rücktritt an, einfach weil ich sah, was durch ein breites Auswalzen des ganzen Problems auf die Gewerkschaftsbewegung zukam. Aber dieser Überlegung ist man nicht gefolgt."

Wieder treppauf und treppab, und im beflügelten Brummelton: "Ich komme aus kleinen Verhältnissen und habe so viel verdient, daß ich gar nicht alles ausgeben könnte. Aber ich bin ein fanatischer Wohnungsbauer. Und wenn der Staat steuerliche Abschreibungen genehmigt, warum sollte ich von dem Geld, das man nicht verbraucht, denn nichts in den Wohnungsbau stecken? Hätte ich es in Schiffe oder sonst was gesteckt, wäre mir das nicht passiert. Doch was ist schließlich dringlicher als der Wohnungsbau? eine gewisse Einseitigkeit ist bei mir immer zu verzeichnen gewesen, und ich bin vertrauensselig. Vertrauensseligkeit ist ein Grundsatz von mir."

"Es gibt da eine Scheinmoral"

Vietor griff oben nach einer neuen Zigarre und zupfte wieder an seinem Jackett: "Ich habe Besitzanteile an 270 1/2 Wohnungen, betreut durch die ‚Neue Heimat‘ und verpachtet an die ‚Neue Heimat‘. Vermögenswert: zwei bis drei Millionen Mark in Höhe des Eigenkapitals. Ich habe der ‚Neuen Heimat‘ stets ein Vorkaufsrecht eingeräumt, so daß nur das investierte Eigenkapital bei Verkauf an mich zurückgezahlt werden muß. Es gibt da eine Scheinmoral. Aber meine Linie ist: Es hat keinen Sinn, etwas zu verstecken. Ja, Freundschaften schätze ich sehr hoch ein, und es ist mir gleich, welcher Partei meine Freunde angehören. Aber aus geschäftlichen Freunden dürfen keine privaten werden ..."

"Sorgenkind ‚Neue Heimat‘ sagen Sie? Umsatz 1981: 6,5 Milliarden. Bilanzsumme: 20 Milliarden. Innere Reserven: sechs bis zehn Milliarden. Der Ölschock verursachte Probleme. Das internationale Geschäft muß infolge der Währungs- und Zinsverhältnisse zurückgefahren werden. Die Bilanzen sind ausgeglichen. Die ‚Neue Heimat‘ sowie ‚Neue Heimat Städtebau‘ beschäftigen fünfeinhalb- bis sechstausend Angestellte, Hunderte freischaffender Architekten, und durch die Baufirmen haben bis zu 150 000 Bauarbeiter Arbeitsplätze. Und 92 bis 94 Prozent der Mieter sind laut Umfragen zufrieden. Während des Baubooms unterwarf man sich gewissen Modetrends, um preiswert zu bleiben und Eintönigkeit möglichst zu vermeiden. Betonsilos, schimpft man heute. Die Architekten haben die Fertigbaumethoden nicht restlos gemeistert, ich ..."

Das "ich" richtete sich mit einem geduldigen Blick auf den Schachcomputer. Und seine Stimme machte es uns beinahe gemütlich. Die Edelhölzer, das Messing und die Teile aus Goldbronze glänzten in dem Zwielicht, kaum. "Schach- und Golfspielen", hörte ich danach, "bedeuten für mich vollständige Konzentration. Aber aus gesundheitlichen Gründen darf ich noch nicht wieder Golf spielen."

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Albert Vietor schien jetzt mit sich selbst zu reden: "Ich habe nicht bekanntgegeben, daß ich gegen die ‚Neue Heimat‘ klage. Die ‚Neue Heimat‘ hat es getan. Warum macht sie das? Warum berichtigt sie nicht, daß mir Beteiligungen zugeschoben wurden, die ich gar nicht habe? Warum? Es gab keine Tarnmanöver von mir, weder bei der ,Antennengesellschaft‘ noch bei der ‚Union-Baubedarf und beim Projekt ,Raboisen‘...

Und was falsch ist an den gegen mich gerichteten Beschuldigungen Einige Tatsachen stimmen, einige nicht; entscheidend ist, daß einige Beteiligungen nicht bestehen und bei den Abschrei-Dungsgesellschaften für Heizwerke keine Preisbeeinflussungen bestanden haben."

Wir gingen wieder treppab und treppauf und atmeten Regenluft vor dem verödeten Tennisplatz ein. Vietor fröstelte: "Bei den Mietwohnungen sind die Gesetze des sozialen Wohnungsbaues eingehalten worden. Eine Beeinflussung der Mieten hat auch nicht stattgefunden. In diesen Fragen sind die Prüfungen zum großen Teil abgeschlossen und werden in Kürze der Öffentlichkeit bekanntgegeben. Und die Beteiligungen an Abschrei-Dungsgesellschaften gab ich Bereits zwischen 1977 und ’79 auf. Ich habe nicht das geringste Schuldbewußtsein, alles, was ich gemacht habe, ist offiziell gegangen. Und falls Schuldbewußtsein vorliegt, dann nur deshalb, weil ich mein Geld zu einseitig investiert habe. Und ich habe zu keiner Zeit in irgendeiner Form Einfluß auf Bauvorhaben von mir genommen, die von der ‚Neuen Heimat‘ betreut wurden. Die Firma hat das gemacht, ganz offiziell durch Geschäftsvorgänge. Im ganzen gesehen. ..."

Albert Vietor blickte sich um. Ohne Mantel war es ihm zu kühl, und er darf sich nicht erkälten. "Sie können hier nicht plötzlich losgehen", sagte ich, "alles ist zu verschachtelt, Sie müssen sich Ihre eigenen Schritte vorschreiben, um nirgendwo anzustoßen." Vietor machte kehrt: "Wenn ich abschalten wollte, bin ich durch die Siedlungen der ‚Neuen Heimat‘ gefahren. Der Anblick der Frauen und Kinder gab mir jedesmal wieder Kraft. Ich habe Hunderttausende von Menschen durch meine Initiativen glücklich gemacht."

Neue Angebote

Und bei der nächsten Zigarre auf dem Ledersoft: "Meine Schuldgefühle hat man mir zugewiesen. Zuerst habe ich tatsächlich Zweifel an mir gehabt und war sogar im Begriff, mir Schuldgefühle zu suggerieren. Jetzt habe ich überhaupt keine mehr. Ich bestehe auf meiner völligen Rehabilitierung. Aber ich kehre nie mehr zur ‚Neuen Heimat zurück. Arbeit gibt es noch genug für mich. Angebote liegen bereits vor. Ich werde jedoch in meinem Leben das Entsetzen über die ganzen Verdächtigungen nicht mehr los. Für meine Gesundheit mag der Trennungsstrich gut sein. Vor zwei Jahren hatte ich gegen die Empfehlung meiner Ärzte wieder angefangen, und letztes Jahr sagte ich zu Heinz Oskar Vetter: ‚Ich kann nicht mehr."

Die Pause dauerte zu lange. "Und was haben Sie im ganzen gesehen jedes Jahr verdient?" Albert Vietor rechnete vor: "Von den 25 bis 30 Aufsichtsrats-, Beirats- und Verwaltungsratsmandaten kamen zu meinem Jahresgehalt von 524 000 Mark noch einmal 200 000 bis 250 000 Mark. Zehn Prozent vom Gehalt und den Tantiemen wurden aber an die ‚Hans-Böckler-Stiftung‘ abgeführt." Ich sagte: "Bei Zahlen sagen Sie immer nur ,von bis‘. Es war eben alles zu viel und immer so verschachtelt, aber in dem Feinkostgeschäft Ihrer Mutter ging es um Pfennige. Und Sie wollen doch immer alles im ganzen betrachten. Wie oft sehen Sie Ihre Mutter denn noch in Gedanken hinterm Ladentisch? Und wie viele kleine Gewerbetreibende sitzen mit Beinleiden und Rheuma in staatlichen Altersheimen ... Vielleicht wollen Sie eine ‚Albert-Vietor-Stiftung‘ gründen für Alte aus Ladengeschäften, die es sich nicht leisten konnten, rechtzeitig in Rente zu gehen?"

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Vietor machte aus Versehen einen Lungenzug und legte die Zigarre weg: "Ich bin im Innersten ein Mensch, der gemeinnützig denkt, und ich werde weiterhin in allen Fragen der Rehabilitation aktiv bleiben. Ich bin Vorsitzender des .Verwaltungsrates des Zentralinstitutes für Rehabilitation‘ in Heidelberg und Kuratoriumsmitglied der "Deutschen Altershilfe’. Dort werden künftig meine Aktivitäten liegen. Ich bin stets ein einsamer Rufer in der Wüste betreffs Stadtsanierung, Beschäftigungspolitik, Wohnungspolitik und Beseitigung von Wohnungsnotständen gewesen. Mein Leben hat nach dem Krieg aus Hilfen für Notleidende und Beseitigung von Not bestanden."

Ich sagte, daß er in seinem massigen Bungalow treppauf und treppab ja immer genug Bewegung habe und hie und da, wenn er Licht mache, doch öfter überrascht sei und mehr oder weniger ausführlich träumen könne. "Mit diesem Haus erfüllte ich meiner Familie und mir einen Traum. Die 400 Quadratmeter wurden allerdings auch für repräsentative Zwecke genutzt. Mein Haus am Lago Maggiore kostete 400 000 Mark. Das muß man heute für ein Einfamilienhaus drüben am Bahndamm zahlen. Ein Penthouse in Hamburg? Diesen Plan ließ ich fallen. Meine Frau und ich müssen uns früher oder später ohnehin verkleinern, aber dann muß ich wieder gesund sein."

Er zupfte an seinem Jackett: "Mir tun die ganzen Mitarbeiter leid, die nun vielleicht unter meiner Affäre leiden müssen und dadurch in Mißkredit geraten. Aber warten wir meine Klage auf Widerruf der Kündigung ab. Und ... was ich alles über die ‚Neue Heimat‘ weiß, wollen Sie wissen, von diesem größten Bauträger Europas..." Er fuhr mit der flachen Hand über den Tisch: "Sagen wir ruhig... der Welt. Aber man kann doch nur führen, wenn man alles weiß... Und 500 000 Wohnungen, das ist kurz: einmal München. Wir... Verzeihung, ich sage immer noch ‚wir‘... Ja, ich bin mit Walter Hesselbach, dem Chef der Bank für Gemeinwirtschaft, befreundet. Ich kann nichts gegen ihn sagen. Die Freunde, Kollegen und Mitarbeiter, alle ..."

Ich fragte, was ihm wohl zu ihnen einfiele, wenn er der Reihe nach alle Namen aufschreiben würde. "Ich schreibe nichts auf. Ich versuche, endlich ein gutes Buch zu lesen."

Hinter ihm vier Ölbilder mit den vier Jahreszeiten. Da regte sich immer nur Leben gegen einfallendes Dunkel wie verschlungenes Gestrüpp. Und links hinter mir in dem Halbdunkel stand sein in Bronze gegossener Kopf auf einem hohen Sockel. Albert Vietor stand auf: "Ich halte Heinz Oskar Vetter für einen der größten Gewerkschaftsführer in der Geschichte der deutschen Gewerkschaften."

Ich konnte die Farbe seiner Augen immer noch nicht genau erkennen. War das nicht so Elendsgrau? Manchmal verschwammen sie.