Während das Licht ausging und der Bildschirm schwarz wurde, klingelte das Telephon. Doch niemand meldete sich. Eine merkwürdige Stille breitete sich aus. Später hörte man dann, daß Flugzeuge wie Steine vom Himmel fielen, bei Autos die Benzineinspritzung versagte und Zehntausende von Menschen in Fahrstühlen eingesperrt waren.

Was sich wie Science-fiction anhört, bereitet seit einigen Jahren den Militärstrategen von Ost und West großes Kopfzerbrechen. Ein zunächst völlig unbeachtetes Phänomen bei Atomexplosionen rückte immer mehr zum zentralen Thema der Abschreckung auf. Was verbirgt sich hinter „EMP“, dem „elektro-magnetischen Puls“? Wie so oft, wenn Militärs sich über die Tragweite einer Entwicklung noch nicht im klaren sind, breiten sie zunächst, als erste Vorsichtsmaßnahme, einen Mantel des Schweigens darüber. Diesen zu durchbrechen und die Diskussion anzuregen ist das vordringliche Ziel des jetzt erschienenen Buches von

Reinhard Breuer/Hans Lechleitner: „Der lautlose Schlag.“ Meyster Verlag, München, 1982, 128 Seiten, 19,80 DM.

Es begann, wie so oft, ganz harmlos. Während der Atomwaffentests zündeten die Vereinigten Staaten am 9. Juli 1962 einen Kernwaffensprengsatz von 1,4 Megatonnen in einer Höhe von 400 Kilometern, also außerhalb der Atmosphäre. Versuche in dieser Höhe hatte die Sowjetunion schon einige Jahre vorher unternommen. Im mehr als 1200 Kilometer entfernten Hawaii brach daraufhin teilweise die Elektrizitätsversorgung zusammen, spielten elektronische Geräte verrückt.

Nach kurzer Zeit war den Physikern klar, womit sie es zu tun hatten. Ein von Enrico Fermi schon 1945 vorausgesagter Effekt bei einer Atomexplosion außerhalb der Erdatmosphäre hatte sich nachhaltig bemerkbar gemacht. Der für den physikalisch-technischen Teil des Buches zuständige Münchner Astrophysiker (und ZEIT-Mitarbeiter) Reinhard Breuer beschreibt in klaren Zügen die wesentlichen Vorgänge: Aus der punktförmigen Atomexplosion wird im Zusammenwirken von Gammastrahlung, Erdatmosphäre und Erdmagnetfeld ein flächendeckendes elektromagnetisches Feld erzeugt. Dieser „Stromstoß“ kommt hundertmal schneller als der Blitz und tritt in einem sehr großen Gebiet nahezu gleichzeitig auf. Wegen seiner besonderen physikalischen Eigenschaften ist seine Wirkung auf elektrisch leitende Materialien verheerend. So können zum Beispiel durch eine einzige Explosion über Irland die gesamten Kommunikationsverbindungen in Westeuropa zerstört oder nachhaltig geschädigt werden. Alle Gegenstände, die elektrisch leitend sind, werden davon betroffen. Nur wir Menschen würden nichts unmittelbar merken.

Doch wie reagiert eine Gesellschaft, wie reagieren Militärs, deren Kommunikations- und Nachrichtenverbindungen nicht mehr funktionieren? Was nützt eine Kommandozentrale, die keine Verbindung zur Außenwelt mehr hat? Wo bleibt der Sinn der Abschreckung, wenn die Einsatz- und Steuer-Computer versagen? Eine Antwort auf diese und ähnliche Fragen können die Autoren selbstverständlich nicht geben. Ihre Schlußfolgerung ist vielmehr, daß die herkömmliche und (in einem gewissen Sinne) „bewährte“ Abschreckungsstrategie durch den EMP überholt ist.

War der Atomkrieg bisher schon sinnlos, durch den elektromagnetischen Puls wird er zudem völlig unkalkulierbar. Mit Recht fragen die Autoren, wie sich wohl ein U-Boot-Kommandant verhält, der keine Verbindung mit seiner Einsatzzentrale mehr besitzt, und der aus seinen Informationen folgern muß, daß sein Land einen nuklearen Angriff erlebt hat.