Nachdenklicher Journalismus ist in England zur Zeit Mangelware. Die Massenblätter übertreffen sich gegenseitig an Hurra-Patriotismus, und Margaret Thatcher bestärkt sie darin.

Holt Margaret Thatcher mitten im Falkland-Krieg einen „Verräter“ in ihre allernächste Umgebung? Das Massenblatt Sun hat daran keinen Zweifel. Denn Ferdinand Mount – selbst Journalist und bald Leiter des kleinen Stabes von persönlichen Beratern der Premierministerin – läßt nicht nur jeden Hurra-Patriotismus vermissen; er hat sogar in seiner Kolumne im Spectator Bedenken angemeldet, ob eine Invasion auf den Inseln nicht viel zu viele Opfer fordern würde. „Wenn dem so ist“, so Mount, „ist es dann nicht die erste Pflicht der Regierung, eine Waffenruhe auszuhandeln?

Margaret Thatcher liegt diese differenzierte Sicht gar nicht. Sie empörte sich darüber, daß manche Medien „uns und die Argentinier fast gleich behandeln“ und bisweilen kühl von den „Briten“ sprechen, statt das warme „wir“ zu benutzen, das keine Parteien kennt.

Mit einer Munition von vier Millionen Exemplaren täglich kämpft die Sun – das Blatt des australischen Verlegers Rupert Murdoch, der auch die Times und die Sunday Times sein eigen nennt. – an der Heimatfront in vorderster Linie. Die kleinen Seiten scheinen die riesigen Schlagzeilen nicht fassen zu wollen, die den Sprechblasen der Comic strips entlehnt sind.

Als Beitrag zum totalen Krieg gegen die „Argies“ sponsorte das Sechs-Groschen-Blatt „im Namen seiner Millionen patriotischen Leser“ eine Sidewinder-Rakete und versah sie mit der obszönen Aufschrift: „Steck’ sie dir sonstwohin, Galtieri.“ Befriedigt berichtete Snow, das Sun-Geschoß habe einen argentinischen Bomber vom Himmel geholt.

Aber auch in Fleet Street schießen die hinter ihren Schreibmaschinen eingegrabenen Krieger um sich. Überall wittert die Verräter: Der Moderator einer Fernsehsendung ist einer, weil er angeblich bezweifelt hat, daß die Informationspolitik der Regierung immer über jeden Verdacht erhaben ist. Der Guardian wird in diese Kategorie eingereiht, weil eine Karikatur geeignet sei, Britanniens Wehrwillen zu schwächen. Der große Konkurrent im Auflagenkampf, der Daily Mirror, bleibt natürlich nicht ausgespart: „Was ist das anderes als Verrat, wenn diese ängstliche, weinerliche Publikation Tag für Tag dafür eintritt, die argentinischen Diktatoren zu beschwichtigen?“

Es wild zurückgeschossen. Ein Labour-Abgeordneter regte Strafverfolgung wegen „krimineller Verleumdung an. Der Daily Mirror sieht Dr. Goebbels am Werk, nennt die Sun eine „plumpe und schwachsinnige Zeitung“, welche die Wahrheit verdrehe und „seit Beginn der Falkland-Krise von der Gosse in die Fäkalien-Grube gefallen“ sei.