ARD, Sonntag, 16. Mai/Mittwoch, 19. Mai, jeweils 20.15 Uhr/Sonntag, 23. Mai, 21.05 Uhr: „Der Flug des Adlers“ von Jan Troell

Ein „weißer Punkt auf einer weißen Fläche“ war das Ziel einer der spektakulärsten Expeditionen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Man hatte bisher vergeblich versucht, den geographischen Nordpol mit Schiffen und Schlitten zu erreichen; am 11. Juli 1897 startete man mit einem Wasserstoffballon. Der schwedische Ingenieur Samuel August Andree, Leiter der Expedition, wurde nicht nur eine international gefeierte Berühmtheit und ein nationaler Held, er wurde, siebzig Jahre nach seinem waghalsigen Unternehmen, auch zu einer literarischen Figur in Per Olof Sundmans Roman „Ingenieur Andrees Luftfahrt“ und jetzt zum Protagonisten einer aufwendigen schwedisch-deutschen Koproduktion, der der Roman als Vorlage diente.

Regisseur dieses Mammutunternehmens über ein Mammutunternehmen ist der Schwede Jan Troell. Fünf Jahre Vorarbeit waren nötig, um das Abenteuer im ewigen Eis auf den Bildschirm und später, in einer gekürzten Fassung, auf die Leinwand zu bringen. Wie in seinen 1971/72 gedrehten Filmen „Die Emigranten“ und „Das neue Land“ verbindet Troell auch in „Der Flug des Adlers“ Monumentalität mit Detailtreue, und er zeigt Menschen in extremen Situationen.

Die erste Folge der dreiteiligen Serie stellt die Protagonisten, neben Salomon Andrée den Physiker Nils Strindberg und den Ingenieur Knut Fränkel, in ihrer privaten Sphäre vor, aber sie erzählt auch von den Zweifeln an der Ausführbarkeit des gigantischen Planes. Andree freilich schlägt die Zweifel in den Wind, vielleicht wegen der fatalen Ideologie, einen einmal gefaßten Plan auch zu Ende führen zu müssen. Das Unternehmen Adler (so wird der Ballon genannt) scheitert. Der Zuschauer wird Zeuge des langen Sterbens der drei Männer.

Ausgangspunkt der Expedition ist Spitzbergen, wo Troell eine genaue Rekonstruktion des Ballons und des Hangars bauen ließ: ein unwirkliches Gebilde am Ufer des Polarmeeres und vor dem Hintergrund schroff abfallender, felsiger Berge. Nach sechswöchiger Wartezeit auf den für das Vorhaben nötigen Südwind entschwebt der Ballon in die Schnee- und Eislandschaft des Polarkreises. 65 Stunden später muß er notlanden, und die Odyssee der Männer beginnt.

Panorama-Aufnahmen vom ewigen Eis, die auf der Leinwand vermutlich weit mehr faszinieren als auf dem Bildschirm, wechseln ab mit Groß- und Detailaufnahmen von den Männern und den ihnen gebliebenen Gegenständen, die Schlitten, das Boot, die Meßgeräte. Die Großaufnahmen zeigen nicht nur, wie sich die Strapazen in den Gesichtern der Männer abzeichnen, sie geben zuweilen auch deren Empfindungen preis. Denn in dieser verzweifelten Situation bleibt lange unausgesprochen, wie die Männer ihre Lage einschätzen.

Dem ewigen Weiß der Polarlandschaft stellt Troell in Rückblenden, besonders in der dritten Folge, meist nostalgisch getönte Bilder von Sommerlandschaft und Sommeridyllen gegenüber. Die Aufnahmen wirken geschönt und können nur dann überzeugen, wenn man sie als die übersteigerten Erinnerungen der drei Männer begreift. Ganz und gar nicht überzeugen freilich können die Dialoge. Sie knistern papieren und sind von einer authentischen Sprache weit entfernt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß jemand in einer lebensbedrohenden Situation sagt: „Verzeiht, aber ich bin dafür, daß wir an Land gehen.“

Da Großproduktionen inzwischen nicht nur von Büchern zum Film, sondern auch von Berichten über die Dreharbeiten begleitet werden, läßt es sich der WDR nicht nehmen, „Beobachtungen und Gespräche“ von Paul Karalus nach der ersten Folge zu zeigen. Und auch für die Freunde des Ballonflugs oder alle, die es nach „Der Flug des Adlers“ geworden sind, gibt es etwas Passendes nach der zweiten Folge: „Geschichten aus der Ballonfahrt“ von Hansjörg Schmitthenner und Klaas Rusticus. So werden Themen ausgeschöpft. Der Zuschauer aber hoffentlich nicht erschöpft? Anne Frederiksen